Wirtschaft : Konjunktur: Das Wirtschaftswachstum bricht ein

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Das Wachstum in Deutschland hat sich deutlich abgeschwächt. Um nur noch 0,6 Prozent legte die Wirtschaftsleistung im zweiten Quartal 2001 zu, das war der schwächste Zuwachs seit 1997. Auf dem Arbeitsmarkt kam der Beschäftigungszuwachs zum Stillstand. Rezessionsgefahren sehen Experten jedoch nicht. Sie erwarten eine Besserung der Lage Ende des Jahres. Gesunkene Preise vergößerten unterdessen den Spielraum der Europäischen Zentralbank für eine Leitzins-Senkung.

Das Statistische Bundesamt in Wiesbaden gab am Donnerstag bekannt, dass die deutsche Wirtschaft von April bis einschließlich Juni überhaupt nicht mehr gewachsen sei - allerdings im Vergleich zum Vorquartal. Verglichen mit dem gleichen Zeitraum im Jahr zuvor wuchs das Bruttoinlandsprodukt immerhin um 0,6 Prozent. Das war der geringste Anstieg in einem Quartal seit Anfang 1997. Grund waren vor allem gesunkene Ausrüstungs- und Bau-Investitionen sowie der Abbau von Vorräten. Eine Stütze waren indes der staatliche und der private Konsum sowie der Export. Im gesamten ersten Halbjahr 2001 wuchs die Wirtschaftsleistung den Statistikern zufolge um 1,0 Prozent.

Das geringere Wachstum zeige auch Auswirkungen auf dem Arbeitsmarkt. Der Beschäftigungsaufbau kam nach Angaben des Statistischen Bundesamtes im zweiten Quartal mit einem Anstieg um nur noch 0,1 Prozent fast zum Stillstand, die Erwerbstätigenzahl lag mit 38,7 Millionen nur noch um 30 000 Personen höher als ein Jahr zuvor.

Bundesfinanzminster Hans Eichel (SPD) sieht trotzdem Chancen für eine Konjunkturbelebung noch in diesem Jahr. Die Wirtschaftsentwicklung könne - bei nachlassendem Inflationsdruck - wieder "allmählich stärker werden". Nach Bekanntgabe der Wachstumszahlen senkten jedoch mehrere Wirtschaftsforschungsinstitute ihre Wachstumsprognosen. Sie erwarten nun je nach Institut ein Plus zwischen einem und 1,5 Prozent. Die Dresdner Bank korrigierte ihre Erwartungen sogar von 1,4 auf 0,9 Prozent nach unten. Der Grund dafür sei vor allem der rasante Ölpreisanstieg Ende 2000, sagte der Chefvolkswirt Klaus Friedrich. Die negativen Auswirkungen hätten sich in der ersten Hälfte dieses Jahres voll entfaltet. "Das hat die realen Einkommenszuwächse durch die Steuerreform praktisch aufgefressen", sagte Friedrich.

Die Opposition gab der Bundesregierung die Schuld für die schlechte Entwicklung. Der französische Finanz- und Wirtschaftsminister Laurent Fabius beklagte "die Trägheit unseres deutschen Partners" als Grund für die Flaute auch jenseits des Rheins. Der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), Michael Rogowski, forderte die Koalition zum Handeln auf. "Die Politik muss den Ernst der Lage endlich wahrnehmen", erklärte er in Berlin.

Die Gefahr einer Rezession bestehe indes nicht, sagten Fachleute. "Die Hoffnung ist, dass es zum Jahresende wieder besser werden könnte", sagte Horst Siebert, Mitglied im Wirtschafts-Sachverständigenrat "Fünf Weise". Auch Ulrich Taureg vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) sieht "die Talsohle nun erreicht". Das Institut für Wirtschaftsforschung in Halle (IWH) prognostiziert eine Belebung im vierten Quartal dieses Jahres. Grund für den Optimismus ist die am Donnerstag bekannt gewordene leicht verbesserte Stimmung in den Unternehmen. Der Konjunkturexperte des Münchner Ifo-Instituts, Gernot Nerb, erklärte, man könne zwar noch nicht von einer Wende sprechen, aber immerhin zeichne sich eine Bodenbildung ab.

Analysten hoffen zur Belebung der Konjunktur auf eine Leitzinssenkung durch die Europäische Zentralbank (EZB). Einer Umfrage der Nachrichtenagentur Reuters zufolge erwarten 41 von 55 befragten Experten eine Zinssenkung am 30. August. Die Notenbank hatte zuletzt im Mai ihren Schlüsselzins um 25 Basispunkte auf 4,50 Prozent gesenkt. Spielraum für einen Zinsschritt bietet die abermals zurück gegangene Teuerung: Nach vorläufigen Zahlen des bevölkerungsreichsten Bundeslandes Nordrhein-Westfalen sank die Inflationsrate auf 2,4 Prozent. Das war der niedrigste Stand seit Januar. In Sachsen, Bayern, Baden-Württemberg und Hessen war eine ähnliche Entwicklung zu beobachten.

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