Wirtschaft : Konjunktur: Der deutsche Wachstumsmotor stottert

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Das Wachstum in Deutschland hat sich deutlich abgeschwächt. Im ersten Quartal 2001 wurden nur noch zwei Prozent mehr Güter und Dienstleistungen produziert, schreibt die Bundesbank in ihrem neuen Monatsbericht. Eine Besserung der Lage ist nicht in Sicht: Das Vertrauen der Firmen ist erneut gesunken, wie der neue Ifo-Geschäftsklima-Index ergab. Auch das Handwerk fürchtet wegen der schlechten Binnenkonjunktur sinkende Umsätze und will Stellen abbauen.

Dennoch habe sich die gesamtwirtschaftliche Produktion dank der hohen Auftragsbestände relativ gut gehalten, schreiben die Ökonomen der Bundesbank. Eine Stütze sei insbesondere das Verarbeitende Gewerbe gewesen. Die Binnennachfrage hat jedoch, anders als von Fachleuten erhofft, von der Steuerreform der Bundesregierung nicht profitiert. Schuld daran, so die Bundesbank, seien die höheren Ölpreise, welche Benzin, Heizung und Warmwasser verteuert hätten. "Der für Käufe beim Einzelhandel zur Verfügung stehende reale Einkommensspielraum wurde dadurch deutlich geschmälert", heißt es im Bundesbank-Bericht. Saisonbereinigt gingen deshalb die Umsätze des Einzelhandels in den ersten drei Monaten im Vergleich zum letzten Quartal 2000 zurück.

Auch die Dynamik des Exportsektors hat leicht nachgelassen - allerdings "auf hohem Niveau", wie die Bundesbank schreibt. Wegen des weltweit schlechteren Wachstums sei bei den Auftragseingängen aus dem Ausland in den letzten Monaten erstmals seit 1998 eine kontinuierlich rückläufige Tendenz zu beobachten. Im Vergleich zum Vorquartal legten die deutschen Ausfuhren in den ersten drei Monaten 2001 saisonbereinigt nur noch um knapp 0,5 Prozent zu. Der Vergleichswert zum Jahresbeginn des Vorjahrs wurde aber immer noch um 13,5 Prozent übertroffen. Während die Ausfuhren in die Teilnehmerländer der Währungsunion eher moderat stiegen, lief das Exportgeschäft in den USA weiter auf Hochtouren. Die Bundesbank führt dies auf den weiterhin schwachen Euro-Kurs zurück.

Nach Ansicht des Wirtschaftsweisen Wolfgang Wiegard könnte das Wachstum sogar im gesamten laufenden Jahr unter zwei Prozent bleiben. "Ich will nicht ausschließen, dass die Wachstumsrate in diesem Jahr eine Eins vor dem Komma hat", sagte das Mitglied des Sachverständigenrates am Dienstag in Berlin. Das Bundesfinanzministerium räumte in seinem jüngsten Monatsbericht ein, dass der Abbau der Arbeitslosigkeit zum Stillstand gekommen sei. Dennoch sei "Konjunkturpessimismus fehl am Platz", hieß es.

Die Stimmung in der deutschen Wirtschaft hat sich unterdessen weiter verschlechtert. In den alten Bundesländern ging der vom Münchner Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung berechnete Geschäftsklima-Index im April von 93,9 auf 92,5 Punkte zurück. In Ostdeutschland sank der Indikator in der gewerblichen Wirtschaft von 104,6 auf 102,8 Punkte. Beide Werte rutschten damit auf den niedrigsten Stand seit einem Jahr und lagen noch unter den Erwartungen vieler Analysten. Das Geschäftsklima wird erhoben durch eine Umfrage unter 7000 Unternehmen der gewerblichen Wirtschaft. Auch bei den Geschäftserwartungen blickten die Unternehmen in Ost und West skeptischer als noch im Vormonat in die Zukunft. Der Euro fiel nach Bekanntgabe der Ifo-Zahlen unter 0,87 Dollar und damit auf ein Monatstief.

Wenig Optimismus für die nahe Zukunft verbreitete am Dienstag auch die Handwerksbranche. "Nachdem die Exportwirtschaft ins Stottern gerät, fällt die lahmende Binnenwirtschaft besonders ins Gewicht", klagte Hanns-Eberhard Schleyer, Generalsekretär des Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH), in Berlin. Für das laufende Jahr rechnet er nur mit stabilen Umsätzen, also einer so genannten schwarzen Null beim Wachstum. Deshalb müsse man von einem Personalabbau von mindestens 120 000 Beschäftigten ausgehen - das wären zwei Prozent der Mitarbeiter. Es könnten aber auch mehr werden, sagte Schleyer. Schlecht sehe es insbesondere im Bau- und im Kraftfahrsektor aus. Allein das westdeutsche Metallhandwerk könne sich der Krise entziehen. Schleyer machte für die schlechte Lage auch die Bundesregierung verantwortlich. Viele politische Entscheidungen der letzten Monate hätten den Mittelstand belastet. Um die Situation zu verbessern und die Beschäftigung zu erhöhen, müsse die Koalition rasch die Beiträge zur Arbeitslosenversicherung um einen Prozentpunkt senken. Außerdem sollten Bund, Länder und Gemeinden mehr für den Ausbau der Infrastruktur ausgeben.

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