Konjunktur : Deutschland im Abschwung

Das teure Öl und die Inflation kosten Wachstum. Die Gefahr einer Rezession halten die meisten Volkswirte trotzdem für gering. Ausgerechnet in Berlin läuft es in einigen Wirtschaftsbereichen deutlich besser als im Bund.

Henrik Mortsiefer
Zahnrad Foto: ddp
Sand im Getriebe: Teures Öl und schwacher Dollar bremsen die Wirtschaft. -Foto: ddp

Berlin - Die deutsche Wirtschaft hat deutlich an Fahrt verloren und wird nach Einschätzung von Ökonomen in den kommenden Monaten nicht mehr wachsen. „Die deutsche Wirtschaft muss eine konjunkturelle Durststrecke überwinden“, teilte die Deutsche Bundesbank am Donnerstag mit. „Der Aufschwung ist vorbei. Die extrem starke Konjunktur der letzten Jahre ist Vergangenheit“, sagte die Wirtschaftsweise Beatrice Weder di Mauro.

Zugleich warnten die Experten vor Schwarzmalerei. Ein Konjunkturprogramm lehnten sie wie auch Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) ab. Davon halte er „überhaupt nichts“, sagte Glos dem „Handelsblatt“. Die Wirkungslosigkeit solcher Programme habe sich in den 70er-Jahren erwiesen. „Am Ende standen höhere Schulden, die Konjunktur ist dadurch aber nicht angesprungen.“ Die Bundesregierung blieb bei ihrer Wachstumsprognose von 1,7 Prozent für 2008.

Vor allem der Ölpreisanstieg und die hohe Inflation haben die Wirtschaft in den Monaten April bis Juni gebremst. Dadurch wurde die Konsumneigung der privaten Haushalte gedämpft. Zugleich ließ die Nachfrage aus dem Ausland nach deutschen Produkten nach. Die Wirtschaft schrumpfte um 0,5 Prozent gegenüber dem Vorquartal. Zum zweiten Quartal 2007 legte das Bruttoinlandsprodukt kalenderbereinigt um 1,7 Prozent zu.

Die Gefahr einer Rezession halten die meisten Volkswirte für eher gering. „Alles in allem gibt es aufgrund der Entwicklung des ersten Halbjahres keinen Anlass zu einem ausgeprägten Konjunkturpessimismus“, hieß es bei der Bundesbank. Dies gilt nach Meinung der EU-Kommission auch für den gesamten EU-Wirtschaftsraum. Eine Sprecherin von Wirtschaftskommissar Joaquín Almunia räumte ein, dass die Zeichen eher negativ seien, insbesondere bei den Erwartungen der Unternehmer. „Man sollte sich nicht übertrieben pessimistischen Gefühlen hingeben“, warnte sie aber zugleich. Auf die Frage, ob Europa eine Rezession drohe, antwortete sie mit „eher nein“.

Die Entwicklung im Euroraum fiel zuletzt allerdings sehr unterschiedlich aus: Insgesamt schrumpfte die Wirtschaft um 0,2 Prozent. So schlecht war die Entwicklung noch nie seit Beginn der Datenerhebung 1995. Vor allem in den großen Ländern kühlte sich die Konjunktur deutlich ab. In Deutschland sank das Bruttoinlandsprodukt am stärksten. In Frankreich und Italien gab es ein Minus von je 0,3 Prozent. In Spanien legte die Wirtschaft zwar zu, mit 0,1 Prozent war das Plus jedoch so gering wie seit 15 Jahren nicht mehr. Regierungschef José Luis Rodríguez Zapatero will die spanische Wirtschaft mit einem Konjunkturprogramm ankurbeln.

Die Bundesregierung geht einen anderen Weg. „Zusätzliches Wirtschaftswachstum ist nur durch niedrigere Steuern und Abgaben zu erreichen“, sagte Wirtschaftsminister Glos. Zum jetzigen Zeitpunkt will er allerdings keine Steuersenkungen fordern.

Auch die Berliner Wirtschaft kann sich vom Bundestrend nicht abkoppeln, sie profitiert aber in einigen Wirtschaftsbereichen von einer Sonderkonjunktur. „Einzelhandel und Bau entwickeln sich stabiler als im Bund“, sagte Hartmut Mertens, Volkswirt bei der Investitionsbank Berlin, dem Tagesspiegel. Dies liege an der großen Zahl ausländischer Touristen und am Großflughafen BBI, der zu drei Vierteln von Berliner Firmen gebaut werde. Für 2008 sagt Mertens ein Wachstum von „1,3 bis 1,5 Prozent“ voraus. Bisher war die Bank von 1,5 Prozent ausgegangen.

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