Konjunktur : Die Hoffnung wächst zuerst

Börsianer und Unternehmen setzen auf eine Erholung der Konjunktur. Doch die Probleme bei den Banken könnten bremsen.

Stefan Kaiser
Blüten
Zarte Blüten. Der Frühling nährt die Hoffnung auf ein Ende der Talfahrt. -Foto: dpa

Berlin - Mitten in der größten Rezession der Nachkriegsgeschichte schauen Unternehmen und Börsianer wieder positiver in die Zukunft. Das geht aus zwei Umfragen hervor, die am Dienstag veröffentlicht wurden. Am optimistischsten sind dabei die Finanzexperten. Ihre Erwartungen für das kommende halbe Jahr haben sich laut der monatlichen Umfrage des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim im Mai zum siebten Mal in Folge verbessert und sind nun auf dem höchsten Stand seit drei Jahren. Der entsprechende Index stieg von 13,0 auf 31,1 Punkte und liegt damit sogar leicht über dem langfristigen Mittelwert. Auch die deutschen Großunternehmen sind hoffnungsfroh: Laut einer Emnid-Umfrage im Auftrag der Wirtschaftsprüfer Pricewaterhouse-Coopers (PwC) erwarten mehr als 60 Prozent für 2010 eine Verbesserung ihrer wirtschaftlichen Lage.

Die Ergebnisse reihen sich ein in eine ganze Liste positiver Stimmungsindikatoren. Auch der wichtigste unter ihnen, der Geschäftsklimaindex des Münchner Ifo-Instituts, hatte zuletzt steigende Erwartungen der Firmen signalisiert. An handfesten Wirtschaftsdaten lässt sich der Umschwung allerdings bisher kaum ablesen. So ist das Bruttoinlandsprodukt im ersten Quartal um einen Rekordwert von 3,8 Prozent geschrumpft. Allenfalls der im März leicht gestiegene Auftragseingang der Industrie lässt auf Besserung hoffen. Er liegt jedoch immer noch rund ein Drittel unter dem Vorjahreswert – ein echter Aufschwung sieht anders aus.

Experten sehen die verbesserte Stimmung bei Börsianern und Unternehmen deshalb nur mit vorsichtigem Optimismus. „Was die reine Konjunkturentwicklung angeht, mehren sich zwar die Anzeichen, dass das Schlimmste nun überstanden ist“, sagt ZEW-PräsidentWolfgang Franz, zugleich Chef der fünf Wirtschaftsweisen der Bundesregierung. „Bei der Entwicklung am Arbeitsmarkt steht uns aber das Schlimmste wohl noch bevor." Die PwC-Umfrage unterstreicht das: Vor allem Industrieunternehmen wollen im laufenden Jahr Stellen abbauen. 64 Prozent rechnen in diesem Sektor mit sinkenden Beschäftigtenzahlen. Über alle Sektoren verteilt erwarten 43 Prozent einen Stellenabbau.

Für die Studie wurden 200 der 500 größten deutschen Unternehmen befragt. Die Mehrheit (53 Prozent) bewertet die aktuelle Lage als „weniger gut“ oder „schlecht“. Dies deckt sich mit den Ergebnissen der ZEW-Umfrage unter rund 300 Börsenprofis. Auch sie schätzen die aktuelle Lage so schlecht ein wie zuletzt vor fast sechs Jahren. Die positiven Erwartungen sind daher auch eine Folge der schlechten Lage.

Als größtes Hindernis für eine schnelle Konjunkturerholung gilt weiter die schwierige Lage bei den Banken. In deren Bilanzen lagern weiterhin Risiken in dreistelliger Milliardenhöhe, die die Kreditvergabe an Unternehmen bremsen und somit die Konjunkturerholung belasten. Zudem müssen die Banken im Zuge der Rezession mit hohen Ausfällen bei den bereits vergebenen Unternehmenskrediten rechnen, wenn die Insolvenzzahlen steigen. Es sei „ziemlich sicher, dass unsere Banken in ein paar Monaten die volle Wucht der schärfsten aller bisherigen Rezessionen in ihren Kreditportfolios spüren werden“, sagte der Präsident der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) am Dienstag in Bonn. Stefan Kaiser

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