Wirtschaft : Konjunktur: Die New Economy reift wie im Zeitraffer

Henrik Mortsiefer

Der Motor der New Economy ist ins Stottern geraten: Nach zehn Jahren Aufschwung setzt die US-Konjunktur zur Landung an, an den Börsen herrscht Nervosität, weil keiner mehr die Aktien der Internet-Wirtschaft haben will. Pleiten und Entwertung am Neuen Markt verschärfen die Krise. Zuletzt brach der mächtigste Mann an den Finanzmärkten, der US-Notenbankchef Alan Greenspan, sein Schweigen. "Wachsam" werde die Zentralbank die Abkühlung der amerikanischen Konjunktur begleiten. Die Aussicht auf sinkende Zinsen ist wieder Tagesthema an der Wall Street. Skeptiker nutzen jetzt die Gunst der Stunde, um die New Economy als spekulative Blase zu entlarven.

"Wir denken nicht an eine Neubewertung der New Economy", sagt hingegen Henning Kloth vom Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW). Was sich an den Börsen momentan ereigne, sei die erwartete Übertreibung nach unten nach dem übertriebenen Aufschwung Anfang des Jahres, "als man der New Economy alles zugerechnet hat, was positiv in der Welt war". Unter der Oberfläche massiver Kursverluste und allgemeinen Krisengeredes komme der Wandel in den Produktions- und Marktstrukturen weiter voran. "Der Konjunktur-Zyklus ist nicht tot", sagt Kloth, der die Strukturabteilung des IfW leitet. "Die Erwartung, die Internet-Wirtschaft werde ein dauerhaft inflationsfreies Wachstum ohne Arbeitslosigkeit ermöglichen, war blauäugig." Auch Konjunktur-Dellen oder eine Rezession seien weiter vorstellbar. Aber die New Economy als Phänomen des Kapitalmarktes oder einzelner Branchen zu bezeichnen, hält der Wissenschaftler für falsch. Die Wissensökonomie, die das Gut Information produziere und vertreibe, sei kein "sektorales Phänomen". "Information prägt alle Branchen und verändert die Volkswirtschaft insgesamt."

Dies geht nicht ohne Strukturbrüche ab. "Die Beschleunigung des Wirtschaftswachstums, verbunden mit revolutionären Umwälzungen in der Wirtschaftsstruktur, verläuft nicht friktionslos", heißt es in einer aktuellen Studie des Bundesverbands deutscher Banken zum Thema New Economy. Existierendes und auch neu entstehendes Real- und Humankapital "werden schneller obsolet" als früher, die "Anpassungslasten" sowohl für die Unternehmen als auch für jeden Einzelnen erhöhten sich. Die künftige Wettbewerbsfähigkeit der "neuen" Unternehmen hänge im hohen Maße davon ab, wie sie die eigenen Fähigkeiten und Kreativität nutzten und wie sie neues Wissen gewinnen und verwenden könnten. Bezogen auf die Börsen heißt das: Wer Kreativität bisher nur vermarktet, aber nicht in harten Zahlen nachgewiesen hat, wird bestraft - oder geschluckt. Analysten schätzen, dass der Trend zu Fusionen und Übernahmen am Neuen Markt bei Internetfirmen 2001 eine neue Dynamik bekommen wird. Und: Die meisten E-Commerce-Plattformen werden in diesem Prozess bis Ende kommenden Jahres vom Bildschirm verschwunden sein, sagen die Marktforscher von Forrester Research voraus.

Diese Auslese schärft den Blick der Investoren. Qualität wird gefragt sein. "Ein abnehmendes Wachstum und fallende Zinsen geben großen Wachstumswerten Auftrieb", schreibt Karl-W. Homburg, Analyst bei der NordLB, in der jüngsten Neuer-Markt-Studie der Bank. Die generelle Unterstellung, die New Economy reagiere insgesamt robuster auf wirtschaftliche Belastungsfaktoren, sei falsch. An den Märkten sei derzeit zu beobachten, in welchen Sog selbst große Wachstumswerte geraten, wenn sich die Risikoeinschätzung der Investoren schlagartig ändere. Besonders bei eingeführten Unternehmen der New Economy, die ihren Bewertungs-Zenit schon erreicht hätten, werde der Spielraum nach oben eng. "Als würde die Reifephase eines durchaus noch mit großen Wachstumspotenzialen ausgestatteten Unternehmens wie im Zeitraffer vorweggenommen", beschreibt die NordLB die Situation am Kapitalmarkt. Einzelne "Stories" und Stimmungen überlagerten den großen Trend. Und der läuft nach Einschätzung der Banker für die New Economy, "wenngleich sich der große Aufschwung schwerpunktmäßig wohl auf das nächste Jahr verlagern wird".

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