Wirtschaft : Konjunktur: "Die Regierung wird diesen Kurs nicht halten"

Herr Gentz[wie stark haben die Terroranschlä]

Manfred Gentz, ist Finanzvorstand der Daimler-Chrysler AG. Dem Vorstand des Automobilkonzerns gehört er seit 1998 an. Der Jurist ist Vizepräsident der Berliner Industrie- und Handelskammer und berät die Berliner CDU in Wirtschaftsfragen.

Herr Gentz, wie stark haben die Terroranschläge vom 11. September die Konjunktur in den USA und Europa getroffen?

Das können wir noch nicht abschließend sagen. Doch wir gehen jetzt, nach der ersten Erschütterung, davon aus, dass wir in den USA eine eher vorübergehende Rezession bekommen werden, die sich vielleicht auf drei Quartale ausdehnen wird. Wir in Europa hängen sachlich und psychologisch an der US-Wirtschaft. Die Verbraucher sind erheblich verunsichert. Dieses Vertrauen muss erst einmal wieder gewonnen werden. Das versucht die US-Regierung durch Steuererleichterungen und Investitionshilfen. Ob es gelingt, wissen wir nicht.

Brauchen wir auch Konjunkturprogramme?

Ich glaube, dass auch die Bundesregierung an ihrem bisherigen Kurs nicht festhalten wird. Wir sehen ja sehr deutlich, dass in Europa die Franzosen bereits ein Konjunkturprogramm planen. Andere europäische Regierungen werden folgen. Und wir werden auch in Deutschland überlegen müssen, ob man nicht doch etwas tun muss, das wenigstens psychologisch einige Impulse in die Wirtschaft gibt. Zum Beispiel, indem man Elemente der Steuerreform vorzieht. Ich nehme auch an, dass die Bundesregierung darüber nachdenkt.

Die Automobilkonjunktur ist besonders stark eingebrochen.

Die Autoindustrie in den USA ist im Augenblick besonders schwierig einzuschätzen. Die Autoverkäufe an den Endverbraucher halten sich gut, weil in den USA Autos jetzt wieder mit enormen Verkaufsanreizen wie Nullzinsfinanzierungen verkauft werden. Das zweite ist das Flottengeschäft, also zum Beispiel Verkäufe an die großen Vermietungsagenturen, die in großer Zahl Autos kaufen. Das Flottengeschäft macht bei Chrysler zwischen 15 und 25 Prozent aus. Diese Verkäufe sind im September und, so weit man das sehen kann, auch in der ersten Hälfte Oktober, fast ganz weggebrochen. Da betrifft alle Autohersteller, auch Chrysler.

Können Sie Ihre Ziele bei Chrysler erreichen?

Wir gehen davon aus, dass wir unsere Ziele erreichen werden. Es gibt im Augenblick keine zuverlässige Schätzung, wie groß das Volumen des US-Automobilmarktes im kommenden Jahr sein wird. Es gibt Schätzungen, dass insgesamt rund 16 Millionen Einheiten verkauft werden. Wenn die Autohersteller den Weg der überhöhten Verkaufsanreize weiter gehen, dann könnte diese Zahl in diesem und auch im nächsten Jahr erreicht werden. Aber das würde voraussetzen, dass man diesen Weg tatsächlich weitergeht. Außerdem setzt diese Entwicklung voraus, dass keine weiteren Ereignisse die gesamtwirtschaftliche Lage erschüttern.

Warum trifft jeder konjunkturelle Abschwung Berlin besonders?

Es ist tatsächlich so, dass ein Wachstum, das in ganz Deutschland zum Stillstand kommt, in Berlin noch ein Prozent darunter liegt. Die Gefahr, dass die Berliner Wirtschaft schrumpft, ist relativ groß. Berlin hat es bislang nicht geschafft, sich aus dieser negativen Abhängigkeit von der Konjunkturentwicklung in Deutschland abzusetzen. Das ist die Aufgabe für die Zukunft - die süddeutschen Bundesländer haben das ja auch geschafft.

Und was muss Berlin tun?

Berlin braucht eine verbesserte Atmosphäre, die es Investoren und Gründern leichter macht, in Berlin aktiv zu werden. Man muss sehen, dass eine Menge passiert ist in den vergangenen Jahren. So schlecht wie früher sind wir gar nicht mehr dran. Wir hatten zum Beispiel im vergangenen Jahr in Berlin ein leichtes Wachstum und sehr viele Gründer. Die Zahl der Gründungen in Berlin ist immer noch höher als in anderen Großstädten. Und das ist etwas, was wir weiter unter- stützen und fördern müssen.

Worauf muss sich Berlin konzentrieren?

Auf die Bio- und Medizintechnik, Optotechnologie, Medien und die Verkehrstechnik. In diesen Bereichen, vor allem bei der Bio- und der Medizintechnik haben wir inzwischen sogar Probleme, weitere Gründer unterzubringen. In Adlershof zum Beispiel oder in Buch müssen wir sehen, wie wir weiter ausbauen und neue Flächen finden können. Wir müssen jetzt darauf achten, dass diese Wurzeln nicht vertrocknen.

Was ist das wichtigste Projekt?

Der Flughafen. Der ist wirklich wichtig. Ein Flughafen ist eine Arbeitsplatzmaschine, das sieht man in Frankfurt und in München. Nur, diese Arbeitsplätze bekommen Sie erst dann, wenn die Vorleistungen erbracht sind. Das muss die Berliner Politik erkennen und entsprechend darf sie an diesen Infrastrukturinvestitionen nicht sparen. Wichtig ist aber zu sehen, dass die Berliner Probleme nur in einem Zeithorizont von zehn bis zwanzig Jahren zu lösen sind.

Braucht das Land Berlin eine eigene große Bank?

Nein. Kein Land braucht eine eigene Bank. Die Zeit öffentlich-rechtlicher Banken mit universalem Anspruch ist vorbei. Natürlich ist es wünschenswert, dass Berlin eine starke private Bank hat. Und es wäre schön, wenn die Bankgesellschaft Berlin als starke private Bank in dieser Stadt gehalten werden könnte. Aber das ist nicht Aufgabe des Landes Berlin, sondern sollte die Entscheidung eines Investors sein.

Wird Berlin aus eigener Kraft aus der finanziellen Misere heraus kommen?

Sicherlich kurzfristig nicht ohne Hilfe des Bundes. Und sicher wird man auch strukturell noch einmal an die Verträge heran müssen, die die Verteilung der finanziellen Lasten zwischen dem Bund und Berlin regeln. Doch jeder Berliner Senat muss sich darüber klar sein: Auch wenn der Bund hilft, er wird die Berliner Finanzprobleme nicht lösen.

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