Wirtschaft : Konjunktur: Die USA sind schneller dran

Sandra Louven

In den USA, die durch Terroranschläge und Rezession gebeutelt sind, ist zumindest in Konjunkturfragen wieder Land in Sicht. Ein Aufschwung ist den meisten Ökonomen zufolge nahe. Allerdings, so warnen sie, dürfte die Erholung nur verhalten ausfallen.

Die Entwicklung der US-Wirtschaft ist für die Konjunkturaussichten in der ganzen Welt entscheidend. Die stark wachsende amerikanische Binnenwirtschaft und die große Nachfrage der USA nach ausländischen Gütern und Dienstleistungen haben in der zweiten Hälfte der 90er Jahre allein 40 Prozent zum Wachstum der Weltwirtschaft beigetragen, hat die Investmentbank Morgan Stanley Dean Witter ausgerechnet. Die US-Wirtschaft war es auch, von der 2001 der Abschwung ausging. Ebenso wird sie es sein, "die in der zweiten Hälfte 2002 einen Aufschwung" auslösen wird, glaubt Mor-gan-Stanley-Chefökonom Stephen Roach.

Tatsächlich gibt es Anzeichen, dass die Rezession in den USA schon bald beendet sein könnte. Im laufenden Quartal wird die US-Wirtschaftsleistung nach Einschätzung von Analysten zwar mit einer Jahresrate von ein bis zwei Prozent schrumpfen. Doch die Rezession "wird wahrscheinlich in den ersten Monaten des kommenden Jahres so gut wie zu Ende sein", sagt Maury Harris, Chefökonom von UBS Warburg in New York.

Ein zentraler Grund dafür ist die Unbeirrtheit der Verbraucher. Der private Hausbau boomt, begünstigt durch niedrige Zinsen. Hinzu kommen Sonderangebote im Einzelhandel und das Angebot von Autoherstellern, Neuwagen mit zinsfreien Darlehen zu finanzieren. Insgesamt, urteilen die Volkswirte von Credit Suisse First Boston (CSFB), zeigten sich Amerikas Verbraucher daher zuletzt "einmal mehr bemerkenswert unverwüstlich": Insgesamt dürfte der private Konsum in diesem Quartal um real rund drei Prozent gewachsen sein - was etwa dem langfristigen Trend entspricht.

Die Kauflust nimmt wieder ab

Damit haben sie nach Ansicht von Experten den Grundstein für eine Erholung gelegt. Für die kommenden Monate erwarten Ökonomen zwar einen Rückgang der Kauflust - zum einen, weil zuletzt viele Käufe wegen der günstigen Finanzierungsbedingungen nur vorgezogen wurden, zum anderen, weil die Arbeitslosigkeit wahrscheinlich zunächst weiter zunehmen wird.

Dennoch hat sich die Wirtschaft durch Abschwung und Terror stärker verunsichern lassen als die Verbraucher - die Industrieproduktion ist stärker gesunken als die Nachfrage. Deshalb sind die Lager leer. Schon um den Bestand wieder auf Normalmaß zu bringen, werden viele Unternehmen die Produktion ankurbeln müssen. Die Ökonomen von Lehman Brothers schätzen, dass allein die Aufstockung der Lager der US-Wirtschaft im ersten Halbjahr 2002 einen Wachstumsimpuls in Höhe von 1,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts bescheren wird. Hinzu kommt, dass die Geldpolitik nur mit monatelanger Verzögerung wirkt. Die drastischen Zinssenkungen der Zentralbank in 2001 werden erst im kommenden Frühjahr und Sommer richtig zu spüren sein.

Fast einhellig warnen die Experten jedoch vor übergroßem Optimismus. So verweist Morgan-Stanley-Chefökonom Roach darauf, dass die derzeitige Krise mit früheren Rezessionen wenig gemein hat. Seine Begründung: Seit dem Zweiten Weltkrieg wurde jede Rezession durch Zinserhöhungen ausgelöst. Die jetzige Krise, so Roach, habe dagegen ihre Ursache in "massiven Überkapazitäten". In solchen Situationen droht eine längere Krise, weil die Zinspolitik nur begrenzt wirksam ist: Selbst billiges Geld kann die Unternehmen nicht zum Investieren bewegen.

Die Prognosen der Konjunkturforscher sind denn auch bescheiden. Die meisten erwarten, dass die US-Wirtschaft im zweiten Halbjahr 2002 mit einer Jahresrate von vier bis fünf Prozent wachsen wird - langsamer als nach einer Rezession üblich. "Typischerweise wächst das Bruttoinlandsprodukt im ersten Jahr einer Erholung um sieben Prozent", sagt Joseph Abate von der Investmentbank Lehman Brothers. Der viel beschworene V-förmige Konjunkturverlauf - kräftige Erholung nach scharfem Einbruch - droht also auszubleiben.

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