Konjunktur : Doch keine Rezession?

Gewerkschafts-Institut verspricht bis zu ein Prozent Wachstum. Aber das Geschäftsklima fällt weiter.

Carsten Brönstrup
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Berlin - Die deutsche Wirtschaft kann 2009 im günstigsten Fall um ein Prozent wachsen. Im schlimmsten Fall schrumpft das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 3,5 Prozent, wenn die weltweite Krise besonders tief wird und die wichtigen Industriestaaten nicht mit umfangreichen Ausgabenprogrammen gegensteuern. Diese Szenarien stellte am Donnerstag in Berlin das gewerkschaftsnahe Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) auf. Für am wahrscheinlichsten hält es ein Minus von 1,8 Prozent – das wäre die tiefste Rezession in der Geschichte der Republik. Andere Institute senkten ihre Prognose auf einen ähnlichen Wert. Die aktuellen Daten verschlechterten sich weiter: Das Ifo-Geschäftsklima sank im Dezember auf ein historisches Tief.

„Schaut man die aktuell vorliegenden Daten an, ist ein Absturz im kommenden Jahr sehr wahrscheinlich“, sagte IMK-Direktor Gustav Horn, der zu den in diesem Jahr treffsichersten Prognostikern zählt. Die weltweite Finanzkrise und die Konjunkturflaute würden sich gegenseitig verstärken. Dies werde zum einen dem deutschen Export spürbar schaden, zum anderen der Nachfrage nach Investitionsgütern. Als Folge wird es Horns Ansicht nach zu einem massiven Stellenabbau kommen: Am Jahresende 2009 könnte die Arbeitslosenzahl um 1,4 Millionen höher sein als jetzt.

In einem noch dunkleren Szenario hält es Horn für möglich, dass die Wirtschaftsleistung sogar um 3,5 Prozent zurückgeht, also um knapp 90 Milliarden Euro – „wenn alles schief geht“. Dies könne der Fall sein, wenn die Staaten der Euro-Währungsunion keine Gegenmaßnahmen ergriffen und ihre Politik nicht aufeinander abstimmten, sagte Horn.

Der Forscher sprach sich deshalb für eine massive Stützung der Konjunktur durch mehrere Maßnahmen aus. „Handelt die Politik rechtzeitig, kann sie die große Krise verhindern“, befand er. Die jüngst beschlossenen Maßnahmen reichten nicht aus. So müsse der Staat ein Konjunkturprogramm von 50 Milliarden Euro auflegen. 20 Milliarden davon sollten kurzfristig für die Ausgabe von Konsumgutscheinen verwendet werden, der Rest für öffentliche Investitionen. In den übrigen Ländern Europas müsse es Programme in ähnlicher Größenordnung geben. Außerdem solle die Europäische Zentralbank den Leitzins „zügig“ von derzeit 2,5 auf ein Prozent senken. Im Idealfall bliebe dann beim Wachstum „statt eines tiefen Einschlags nur eine Delle übrig“.

Das Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) nimmt für 2009 sogar eine Abnahme des BIP um 1,9 Prozent an. Allerdings werde es ab der zweiten Jahreshälfte wieder bergauf gehen, 2010 sei dann mit 1,5 Prozent Wachstum zu rechnen. Der weltweite Abschwung treffe Deutschlands Wirtschaft an ihrer „exponiertesten Stelle“ – dem Geschäft mit Maschinen und Anlagen. Das Minus in Ostdeutschland falle mit 1,5 Prozent weniger gering aus. Grund: Die Industrie produziere stärker für die Binnenwirtschaft, außerdem seien die hiesigen Banken weniger krisenanfällig als im Westen. Auch das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) korrigierte seine Vorhersage. Statt eines Rückgangs um 0,5 Prozent, wie im November prognostiziert, erwarten die Experten nun eine Abnahme von 1,5 bis 2 Prozent des BIP.

Bereits jetzt hat die Rezession die Wirtschaft voll erfasst. Das Ifo-Geschäftsklima, ein Indikator für die Stimmung in den Unternehmen, sank von 85,8 Punkten im November auf 82,6 Punkte im Dezember. Dies ist der tiefste Stand seit Beginn der gesamtdeutschen Erhebung im Jahr 1991. Der Index wird jeden Monat durch eine Befragung von rund 7000 Firmen erhoben. Im Dezember verschlechterten sich vor allem die Urteile der Unternehmen zur derzeitigen Geschäftslage, aber auch die Zukunftsaussichten für die nächsten sechs Monate trübten sich weiter ein. „Der Abschwung hat vor allem die Hersteller von Export- und Investitionsgütern erfasst, bislang weniger den Einzelhandel und das Baugewerbe“, erklärte Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn.

Auch aus Sicht der Bundesregierung hat sich die Lage in den letzten Monaten dieses Jahres verschlechtert. Nach dem Rückgang der Wirtschaftsleistung um 0,5 Prozent im dritten Quartal deuteten die Konjunkturdaten an, „dass sich der Rückgang im vierten Quartal sogar verstärkt fortgesetzt haben kann“, schreibt das von Michael Glos (CSU) geführte Wirtschaftsministerium in einer Analyse. Das würde bedeuten, dass das Wachstum in diesem Jahr um einiges geringer ausfallen könnte als die bislang von den meisten Forschern angepeilten anderthalb Prozent.

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