Konjunktur : Finanzkrise vermiest die Stimmung

Die Konjunkturerwartungen der Finanzexperten - gemessen durch den ZEW-Indikator - sehen durch die Krise am Finanzmarkt düster aus. Der WestLB-Chef sieht eine „nicht unkritische Situation“.

Daniel Rhée-Piening

Berlin - Allen Beschwichtigungen der Experten und Politiker zum Trotz schlägt die Krise an den Kreditmärkten auf die Konjunkturerwartungen durch. Das Stimmungsbarometer des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) sackte im August überraschend deutlich um 17,3 Punkte ab und liegt nun bei minus 6,9 Punkten – dem tiefsten Stand seit Dezember 2006. Finanzminister Peer Steinbrück (SPD), das Ifo-Institut und auch ZEW-Präsident Wolfgang Franz betonten am Dienstag dagegen abermals, die US-Hypothekenkrise werde die Konjunktur höchstens geringfügig belasten. Eventuelle Kreditengpässe würden in Deutschland in ein Umfeld sehr guter Unternehmensbilanzen fallen, sagte Franz. Er räumte allerdings ein, dass deutsche Exporte von einer schwächeren Kaufkraft der US-Verbraucher beeinträchtigt werden könnten.

Die zwischen dem 30. Juli und dem 20. August vom ZEW befragten 291 Analysten und Anleger sehen vor allem Banken und Versicherungen im Sog der US-Finanzkrise. Auch nach Einschätzung des neuen WestLB-Chefs Alexander Stuhlmann wirft die US-Hypothekenkrise dunkle Schatten auf den deutschen Bankensektor und erschwert dessen Refinanzierung. Die Branche sei in einer insgesamt „nicht unkritischen Situation“, sagte Stuhlmann in Berlin. Es sei an den Märkten zu spüren, dass es für deutsche Banken schwerer geworden sei, bei ihren ausländischen Partnern Kreditlinien zu erhalten. Dagegen hat die Finanzkrise nach Ansicht von Volksbank-Präsident Christopher Pleister, Präsident des Bundesverbandes der Volks- und Raiffeisenbanken (BVR), ihren Höhepunkt überschritten. Er rechne nicht damit, dass weitere deutsche Kreditinstitute Hilfszahlungen bräuchten, sagte Pleister am Dienstag im Deutschlandradio Kultur. Pleister betonte, dass nicht die Kontrolle der Banken versagt habe.

Auch Finanzminister Steinbrück unterstrich, es gebe derzeit keine Anzeichen für weitere Problemfälle. Ob die Bankenaufsicht im Falle der Sachsen LB versagt habe, könne man zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen. „Jetzt müssen wir erst mal einige Wochen ins Land gehen lassen, dann können wir das genaue Ausmaß beurteilen.“

Nach Ansicht von US-Finanzminister Henry Paulson ist die Hypothekenkrise in den USA allerdings noch lange nicht ausgestanden. Eine schnelle Lösung zur Bewältigung einiger Probleme an den Kreditmärkten gebe es nicht, sagte der Minister am Dienstag dem Fernsehsender CNBC. US-Präsident George W. Bush sagte wiederum, dass die amerikanische Konjunktur aus seine Sicht in einem robusten Zustand sei.

Unterdessen wurde bekannt, dass das Management der Mittelstandsbank IKB bereits vor zwei Jahren aus dem eigenen Haus über die Risiken im US-Hypothekenmarkt informiert wurde. In einer IKB-internen Studie mit dem Namen „California dreamin'“ aus dem Jahr 2005 riet ein eigener Analyst der Bank zu vorsichtigeren Investments. Der Autor des 40-seitigen Berichts warnte vor einem Abwärtstrend am US-Immobilienmarkt, was sich wiederum negativ auf bestimmte Anlagen der IKB auswirken könnte. Die IKB verweist darauf, dass ihr Management nach der Studie einen anderen Kurs eingeschlagen habe. „Es wurden erhebliche Konsequenzen daraus gezogen“, sagte ein Sprecher.

Die internationalen Märkte blieben am Dienstag weitgehend ruhig. Der Dax konnte sich im Tagesverlauf gut behaupten und notierte zum Schluss des Computer-Handels bei 7424,75 Punkten (plus 0,23 Prozent). Die US-Märkte tendierten uneinheitlich. Der Dow Jones hielt sich bis zum Abend fast auf Vortagesniveau, die Technologiebörse Nasdaq verzeichnete leichte Gewinne.

Die Notenbanken stellten erneut frische Finanzmittel bereit. So teilte die Europäische Zentralbank den Geschäftsbanken im Rahmen eines regulären wöchentlichen Refinanzierungsgeschäfts rund 46 Milliarden Euro mehr zu, als die Banken nach ihren Berechnungen eigentlich gebraucht hätten. Die Bank von Japan bot den Geschäftsbanken rund 800 Milliarden Yen (5,2 Milliarden Euro) an. Die Verteilung erfolgt wie bei einer Versteigerung. Daniel Rhée-Piening

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