Wirtschaft : Konjunktur hellt sich nur langsam auf

In Zusammenarbeit mit dem Handelsblatt veröffentlicht der Tagesspiegel einmal im Monat eine Konjunkturkolumne und wirft einen Blick auf die Wirtschaftslage. Der Frühindikator soll frühzeitig konjunkturelle Wendepunkte im Westen anzeigen und berücksichtigt dabei aktuelle Branchendaten, gleiches signalisiert das Konjunkturbarometer im Osten.



Im Westen drückte der Umsatzeinbruch im Einzelhandel den Frühindikator wieder nach unten. Die Lage ist weiterhin labil. Im Osten hingegen ist das Konjunkturbarometer erstmals nach fünf Monaten nach oben geklettert - die Impulse kamen vom Verarbeitenden Gewerbe und von der Bauindustrie. Ob die Talfahrt der Ostkonjunktur beendet ist, bleibt offen: Noch entwickeln sich die einzelnen Größen, die in den Indikator eingehen, zu unterschiedlich.

Der Frühindikator für Westdeutschland gab im Juli nach seinem überraschend starken Anstieg im Monat zuvor wieder nach. Mit 1,5 Prozent lag er um 0,2 Prozentpunkte niedriger als im Juni, für den der ursprüngliche Wert nachträglich nach unten revidiert werden mußte. Ausschlaggebend für die Korrektur und für den jüngsten Rückgang des Frühindikators war die schlechte Lage im gesamtdeutschen Einzelhandel. Dort sind die Umsätze nach der überraschend erfreulichen Entwicklung im Vormonat (plus sieben Prozent) stark eingebrochen (rund neun Prozent). Ein wichtiger Grund für diesen Umsatzrückgang dürfte aber das frühe Osterfest sein. Für diese Erklärung spricht, daß der Absatz von Möbeln und Einrichtungsgegenständen - die normalerweise nicht zu den Ostergaben gehören - vergleichsweise stetig geblieben ist.

Im westdeutschen Verarbeitenden Gewerbe stehen die Zeichen deutlich auf Erholung. Im April nahm die Nachfrage um fast drei Prozent zu. Der stärkste Schub (mit einem Plus von 10,6 Prozent) kam aus dem Auslandsgeschäft. Anlaß zur Hoffnung gibt auch, daß sich das Ifo-Geschäftsklima erstmals wieder deutlich verbessert hat. Die Auftragseingänge im westdeutschen Baugewerbe blieben im April etwa auf dem Vormonatsniveau und bestätigten damit die insgesamt recht robuste Nachfrageentwicklung. Allen Unkenrufen zum Trotz hält sich der Wohnungsbau nach wie vor wacker: Dort hat die Nachfrage um gut sieben Prozent zugenommen. Ein Wermutstropfen ist allerdings die Nachfrage im Nichtwohnungsbau: Nach der erfreulichen Entwicklung in den vergangenen Monaten ist sie im April wieder um über zehn Prozent gesunken. Dies ist nicht gerade ein Indiz für die Investitionsbereitschaft der Unternehmen, wenngleich einzelne Monatswerte nicht überbewertet werden dürfen.

Die Differenz zwischen langfristigen und kurzfristigen Zinsen hat sich im Mai weiter erhöht. Sie signalisiert somit einen zunehmenden Anreiz zur Umschichtung von relativ liquiden Geldtiteln in längerfristige Kapitalanlagen. Das ist konjunkturell ein gutes Zeichen.

Für die ostdeutsche Konjunktur ist das Barometer im Juni erstmals nach fünf Monaten gestiegen, und zwar von 3,2 auf 3,4 Prozent. Den größten Impuls für den Anstieg gaben die Aufträge im Verarbeitenden Gewerbe und im Bauhauptgewerbe, die im April zugenommen haben. Im Verarbeitenden Gewerbe stiegen die Auftragseingänge saisonbereinigt um 6,8 Prozent über das Volumen des Vormonats. Der Hauptgrund dafür war ein starker Anstieg der Investitionsgüternachfrage. Dies könnte - ungeachtet der traditionell stark schwankenden Investitionsgüternachfrage - der Beginn einer konjunkturellen Erholung in diesem wichtigen Wirtschaftsbereich sein, zumal die Nachfrage im Verarbeitenden Gewerbe in ganz Deutschland stark zugenommen hat.

Die Aufträge im ostdeutschen Bau sind sprunghaft um 25,5 Prozent gestiegen. Das liegt auch an einigen Großaufträgen für das sächsische Baugewerbe. Berechnungen des Statistischen Bundesamts zeigen außerdem, daß besonders der Hochbau (ohne Wohnungsbau) und der Straßenbau für diese Entwicklung verantwortlich sind. Jedoch fällt das Ifo-Geschäftsklima in der deutschen Bauwirtschaft erneut sehr pessimistisch aus. Immerhin blicken die Bauunternehmer etwas zuversichtlicher in die Zukunft. Überdies hat sich das Geschäftsklima in der ostdeutschen Industrie verbessert. Die Unternehmer sind für die nächsten sechs Monate aber weiterhin skeptisch. Auch ihre Exporterwartungen haben sich - trotz des gesunkenen Eurokurses - verschlechtert.

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