Wirtschaft : Konjunktur: Inflationsgefahr zwingt EZB zum Handeln - Spekulationen über Zinserhöhung am Donnerstag

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Mit Spannung blicken Konjunkturexperten und Analysten an den Finanzmärkten auf die Europäische Zentralbank (EZB). Der Aufschwung im Euroraum hat nach Ländern wie Spanien und Irland längst auch Deutschland, die größte Volkswirtschaft des Kontinents, erfasst. Nun wird das Bild durch die auf 2,4 Prozent gestiegene Inflation getrübt. Die EZB, die sich als Inflationslimit stets die Zwei-Prozent-Marke vorgegeben hat, muss handeln.

Wenn die EZB mit ihrem Präsidenten Wim Duisenberg am Donnerstag zu ihrer ersten Sitzung nach der Sommerpause zusammenkommt, wird sie sehr wahrscheinlich die Leitzinsen erhöhen. Darin sind sich die meisten Marktbeobachter einig. Spannend bleibt, wie hoch die Zinserhöhung ausfallen wird. Werden die Währungshüter die Leitzinsen nur um 25 Basispunkte auf 4,5 Prozent anheben oder werden sie noch etwas drauflegen.

Die Zinserhöhung wird schon allein deshalb erwartet, weil die EZB selbst verbal einen solchen Schritt bereits vorbereitet hat. So hat beispielsweise Bundesbank-Präsident Ernst Welteke darauf hingewiesen, dass die Inflation über der Toleranz-Marke von zwei Prozent liege und in diesem Jahr kaum mehr darunter fallen werde. Die EZB hat sich selbst für ihre Geldpolitik vorgegeben, eine Teuerungsrate von über zwei Prozent nicht zu tolerieren. Im Juli lag die Inflation im Euroraum im Vergleich zum Vorjahr bei 2,4 Prozent.

Davon gehe rund ein Prozent auf das Konto der stark gestiegenen Energiepreise, erklärte der Chef-Volkswirt der Dresdner Bank, Klaus Friedrich, dem Tagesspiegel. Auch der schwache Euro beziehungsweise der starke Dollar machten sich mit rund einem halben Prozentpunkt bemerkbar. Das zeigt, dass die Währungshüter bei ihrer Entscheidung am Donnerstag nicht nur den Binnenwert, sondern auch den schwachen Außenwert im Auge haben. Auch Friedrich rechnet mit einem Zinsschritt der EZB, allerdings mit einem kleinen.

Auch das Geldmengenwachstum im Euroraum liefert ein Argument für eine Zinserhöhung. Mit 5,3 Prozent hat es sich zuletzt zwar leicht abgeschwächt, lag aber immer noch deutlich höher als das von der EZB anvisierte Wachstumstempo von 4,5 Prozent. Am Geldmarkt ist eine Zinserhöhung längst in den kurzfristigen Zinsen berücksichtigt. Die drohende Inflationsgefahr ist noch vor wenigen Tagen mit der Veröffentlichung der deutschen Erzeugerpreise - Frühwarnsignal für die Entwicklung bei den Verbraucherpreisen - bestätigt worden. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes stiegen sie im Juli um 3,3 Prozent.

Experten warnen bereits vor den so genannten Zweitrundeneffekten - das heißt, dass die gestiegenen Inflationserwartungen beispielsweise in Tarifverhandlungen mit berücksichtigt werden und so die Lohnkosten erhöhen, was die Inflationsspirale weiter drehen könnte. "Meines Erachtens würde die EZB am besten mit einer Zinserhöhung um einen halben Prozentpunkt fahren", sagte Martin Hüfner, Chefvolkswirt der Hypo-Vereinsbank, dem Tagesspiegel. "Sie sollte dies aber mit der Aussage verbinden, dass damit erst einmal Ruhe und für eine Weile kein weiterer Zinsschritt mehr zu erwarten ist."

Hüfner rechnet mit einer Inflationsrate im Euroraum von 2,2 bis 2,3 Prozent für das Gesamtjahr, im nächsten Jahr werde sie sich voraussichtlich auf etwa 1,8 Prozent verringern. Für die Konjunktur sieht er trotz möglicher Zinserhöhungen keine Gefahr, "die läuft nach wie vor bombig". Auch EZB-Chefvolkswirt Otmar Issing hatte jüngst erklärt, die Geldpolitik schade der Konjunktur nicht.

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