Wirtschaft : Konjunktur: Interview: "Bildung bringt mehr Wachstum"

Herr Schmid[erst ab einem Wirtschaftswachstum von]

Günther Schmidt ist Politologe am Wissenschaftszentrum Berlin und Berater der Bundesregierung in Arbeitsmarkt-Fragen.

Herr Schmid, erst ab einem Wirtschaftswachstum von zwei Prozent entstehen in Deutschland neue Jobs. Woran liegt das?

An unsinnigen Arbeitsmarkt-Regulierungen und Bildungsdefiziten. Eine Vermittlungs- und Qualifizierungsoffensive sowie die Abschaffung einiger Gesetze würden die Schwelle senken. Auch die Förderung qualifizierter Teilzeitarbeit wie in Holland und die massive Anwendung von Jobrotation wie in Dänemark würden die Beschäftigungsintensität des Wachstums verbessern.

Trotz zahlreicher Reformvorschläge von Experten scheut die Bundesregierung Reformen bei der Arbeitsmarktpolitik. Ist die Koalition beratungsresistent?

Nein, nicht völlig - die Regierung hat mit dem Job-Aktiv-Gesetz Vorschläge aufgegriffen. Schwer tut sie sich bei der Gestaltung des Niedriglohnsektors. Die Modellprojekte, die jetzt laufen, schieben das Thema auf die lange Bank. Wir haben zudem Defizite im Vergleich mit anderen Ländern bei qualifizierten, lohnintensiven Dienstleistungen - etwa auf den Gebieten Pflege oder Bildung. Die wiegen noch schwerer als das Fehlen eines Niedriglohnsektors.

Warum?

Das Thema Niedriglohnbereich wird zu hoch gehängt. Nicht nur im unteren Lohnbereich, auch bis hin zu mittleren Einkommen muss der Staat einen Teil der Sozialbeiträge übernehmen. Alternativ könnte auch die 630-Mark-Grenze angehoben werden.

Die deutsche Wirtschaft klagt, dass ihr rund eine Million qualifizierte Fachkräfte fehlen. Ist das nicht ein drängenderes Problem?

Auf jeden Fall. Wir brauchen eine Qualifizierungsoffensive. Gäbe es eine Pisa-Studie für Erwachsene, die Ergebnisse für Deutschland wären vermutlich ebenso verheerend. In puncto Weiterbildung sind andere Länder aktiver. Der Fachkräftemangel ist bereits eine echte Wachstumsbremse.

Ist das Bildungssystem zu schlecht, oder ist die Wirtschaft dafür verantwortlich?

Die Wirtschaft trägt ein gerüttelt Maß an Verantwortung. Zwar setzt der Staat zu wenig Anreize. Die Unternehmen müssen sich aber darum kümmern, dass ihre Beschäftigten auch in fünf Jahren noch die Anforderungen des Arbeitsmarktes erfüllen können. Auch die Tarifpolitik spielt eine Rolle.

Inwiefern?

Es steht immer noch die klassische Lohnpolitik im Mittelpunkt. Eine erfolgsorientierte Bezahlung und das Instrument der Investivlöhne werden noch zu wenig genutzt. Statt in Form von Geld könnten die Firmen Lohnerhöhungen auch in Weiterbildungsgutscheinen auszahlen - das würde beiden Seiten nützen.

Was kann der Staat tun?

Er könnte mehr als bisher verhindern, dass Leute überhaupt arbeitslos werden. Es gibt jährlich bis zu acht Millionen neue Arbeitslose. Wenn weniger Qualifizierte, besonders Ältere, noch auf ihrem alten Arbeitsplatz weitergebildet würden und mobiler wären, würden sie ihren Job erst gar nicht verlieren. Die Arbeitsmarktpolitik konzentriert sich auf Langzeitarbeitslose, schwer Vermittelbare. Dieser Fokus ist zu eng. Qualifizierung ist auch wichtig, um wieder mehr Wachstum zu bekommen - mindestens ebenso wie die Geld-, Fiskal- und Tarifpolitik.

Bei der Vermittlung sind die Arbeitsämter gefordert. Gibt es dort nicht zu viel Verwaltung und zu wenig Beratung?

Für die Beratung fehlt eindeutig Personal. Da müssen die Ämter umschichten. Außerdem müssen sie die Vermittlung mehr an Weiterbildungsträger, Zeit- und Leiharbeitsfirmen sowie Kommunen delegieren.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben