Konjunktur : Kaufen für den Aufschwung

Nach dem Exportrausch wird der Konsum der Bürger zur Stütze des deutschen Wachstums, erwarten Fachleute.

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Es ist wieder alles gut. Die Kunden kommen und sie haben viel Geld in der Tasche. Allein auf der jüngsten Branchenmesse haben sie beim westfälischen Werkzeugmaschinenbauer Gildemeister Aufträge am laufenden Band unterzeichnet. Am Ende waren es schon wieder so viele wie 2008, bevor die Krise begann. Sogar aus Deutschland, frohlockt Vorstandschef Rüdiger Kapitza, zieht die Nachfrage wieder an. Die mehr als 5000 Beschäftigten haben gut zu tun.

So wie Gildemeister geht es derzeit vielen deutschen Unternehmen. Dank der Nachfrage vor allem aus den Schwellenländern laufen die Geschäfte der Exportindustrie nach der tiefen Krise im vergangenen Jahr wieder blendend. Über diesen Hebel kommt auch die Binnenwirtschaft in Schwung. Die Wirtschaftsforscher setzen ihre Wachstumsprognosen daher kräftig herauf: In diesem Jahr werde das Bruttoinlandsprodukt um 3,25 Prozent wachsen, erwartet das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW). Das gewerkschaftsnahe Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) geht sogar von 3,5 Prozent aus. 2011 solle das Plus zwar nur noch bei zwei Prozent liegen, erklärten beide Häuser am Montag in Berlin. Dafür sehen sie die Arbeitslosenzahl bei drei Millionen (IW) und sogar leicht darunter (IMK) – nicht in einzelnen Monaten, sondern im Schnitt des gesamten nächsten Jahres.

Dass es in der Bundesrepublik so gut läuft wie in kaum einem anderen Industriestaat, wird sich laut IW nun auch im Konsum niederschlagen. Die Binnennachfrage werde „nach und nach zur Triebfeder der Erholung“, sagte IW-Direktor Michael Hüther. Auch IMK-Chef Gustav Horn sieht eine immer stärkere Rolle des Konsums – haben mehr Menschen einen Job, können sie auch mehr Geld ausgeben. Zudem sitzt den Menschen angesichts der guten Nachrichten aus der Wirtschaft das Geld lockerer. Dass die Reallöhne steigen, heißt dies aber nicht. „In diesem Jahr werden sie sinken und im kommenden Jahr angesichts von Inflation und steigenden Sozialbeiträgen bestenfalls stagnieren“, vermutete Horn. Der Konsum steht für rund die Hälfte der Wirtschaftsleistung.

Ein Selbstläufer sei die Konjunktur aber nicht, warnen die beiden Institute, die angesichts ihrer jeweiligen Geldgeber eher selten einer Meinung sind. Es bestehe die Gefahr, dass wichtige Handelspartner und auch Deutschland zu rasch und zu heftig sparen – das könne die Nachfrage drücken. „Der Versuch, gegen die Konjunktur die Haushalte zu konsolidieren, wird scheitern“, sagte Horn. Vor allem im Euro-Raum, dem größten Abnehmer von hierzulande hergestellten Produkten, haben viele Regierungen wegen der Schuldenkrise Steuern erhöht, Gehälter und Renten gekürzt.

Beide Institute warnen die Regierung daher davor, bei den Investitionen zu sparen. „Der Staat muss der Versuchung widerstehen, den Weg der Konsolidierung über eine Reduktion der Investitionen zu beschreiten“, sagte IW-Mann Hüther. Auch Horn urteilte, der Versuch, der Konjunktur hinterherzusparen, werde scheitern – dies könne gar 2012 eine erneute Rezession auslösen. Der Staat solle daher kurzfristig höhere Schulden hinnehmen und erst mittelfristig sparen.

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