Wirtschaft : Konjunktur: Keine Hoffnung auf schnellen Aufschwung

Die Anzeichen für eine längere konjunkturelle Talfahrt in Amerika und Europa mehren sich. Wegen der steigenden Arbeitslosigkeit in den USA sank der Verbraucher-Vertrauensindex im November unerwartet stark. In Deutschland musste das Ifo-Institut in Industrie, Handel und Bauwirtschaft feststellen, dass es im Oktober kaum Zeichen für eine bessere Geschäftslage gegeben hat. Nach dem Einbruch im September war damit gerechnet worden.

Wie die zuständige Organisation Conference Board, die den Verbraucher-Vertrauensindex für die USA monatlich ermittelt, am Dienstag in New York mitteilte, sank der Index von 85,3 im Oktober auf 82,2 im November. Es war der fünfte Rückgang in Folge. Analysten hatten mit einer Verbesserung auf 86,5 gerechnet. Der Index basiert auf einer monatlichen Umfrage unter 5000 Haushalten in den USA. Dem Ergebnis wird regelmäßig viel Aufmerksamkeit gewidmet, weil das Vertrauen der Verbraucher in direkter Verbindung zu ihren Ausgaben gesehen wird - und die Konsumentenausgaben in den USA rund zwei Drittel der wirtschaftlichen Aktivitäten ausmachen.

Der deutsche Aktienindex Dax sackte nach der Bekanntgabe der Zahlen am Nachmittag um mehr als zwei Prozent auf 4996 Zähler ab. Der Dow-Jones-Index für 30 Industriewerte verlor kurz nach der Eröffnung in New York 109 Punkte auf 9873. In den vergangenen Wochen hatten die Aktienmärkte von den erfolgreichen US-Angriffen in Afghanistan und von der Hoffnung profitiert, die am Montag vom National Bureau of Economic Research bestätigte Rezession in den USA könnte von kurzer Dauer sein.

Das Ifo-Institut in München teilte am Dienstag mit, dass insbesondere in der Industrie, im Einzelhandel und in der Bauwirtschaft in Deutschland die Stimmung weiter schlecht sei. Dies zeige der Konjunkturtest für den Monat Oktober. In der westdeutschen Industrie verharrte die Geschäftslage im Oktober auf dem niedrigen Niveau des Vormonats. Nach dem Einbruch im September wäre eine Korrektur nach oben zu erwarten gewesen, wenn lediglich psychologische Reaktionen auf die Anschläge in den USA dazu geführt hätten, erklärte das Ifo-Institut. Die Perspektiven hätten sich im Oktober aber weiter verschlechtert und seien etwa so trübe wie 1992. "Bis zu dieser Rezessionsphase muss man auch zurückgreifen, um eine ähnlich ungünstige Einschätzung der Exportchancen wie im Oktober anzutreffen", teilte das Ifo-Institut mit.

Auch in der ostdeutschen Industrie blieb die Stimmung gedrückt. Die aktuelle Geschäftslage wurde so ungünstig beurteilt wie letztmals vor fünf Jahren. Auch die Geschäftserwartungen ließen nur begrenzte Hoffnung auf eine baldige Trendwende aufkommen, erklärten die Wirtschaftsforscher. Im westdeutschen Einzelhandel nahm die Unzufriedenheit mit der Geschäftslage weiter zu. Die Unternehmen schätzten zwar ihre Perspektiven für das kommende halbe Jahr etwas weniger pessimistisch ein. Die Orderpläne zeigten aber vermehrt nach unten. Die Chancen für Preiserhöhungen werden laut Umfrage als gering eingeschätzt. Etwas besser sieht es lediglich im deutschen Großhandel aus. Hier verbesserte sich das Geschäftsklima im Oktober in West- und Ostdeutschland. Von einem befriedigenden Niveau könne aber bei weitem noch nicht gesprochen werden.

Wirtschaftsforscher und Ökonomen zweifeln immer stärker an einer raschen Erholung: "Deutschland steht in einer Rezession, daran ist nicht zu zweifeln", sagte der Präsident des Ifo-Instituts, Hans-Werner Sinn. Auch der Chefvolkswirt des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Achim Dercks, erwartet für das kommende Jahr keine grundlegende Verbesserung der konjunkturellen Situation. "Auf der Basis unserer letzten Konjunkturumfrage gehen wir davon aus, dass es im nächsten Jahr von Seiten des Wachstums höchstens zu einer schwarzen Null kommen wird", sagte Dercks. "Von daher ist Aufschwung sicherlich das falsche Wort." Lediglich im zweiten Halbjahr bestünden Hoffnungen auf eine leichte Belebung der Konjunktur durch Impulse der Exportwirtschaft. Im Baugewerbe sei von einer Krise auszugehen, die sich weiter fortsetzen werde, sagte er.

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