Wirtschaft : Konjunktur: Märkte warten auf US-Zinssenkung

Die Konjunkturschwäche im Euro-Raum könnte sich bis in die zweite Jahreshälfte hinein ziehen. Dies signalisiert die Entwicklung des Handelsblatt-Eurokonjunktur-Indikators, der im Mai um weitere 0,2 Prozentpunkte fiel. Auch in den USA gibt es keinen Grund zur Entwarnung. Die Kapazitätsauslastung in der US-Industrie ist wieder gesunken und hat nun fast das Tief der letzten Rezession erreicht. Das nährt die Erwartungen auf eine erneute Zinssenkung durch die US-Notenbank bei ihrer heutigen Sitzung.

Im Bemühen, ihre Produktion dem stärker als erwarteten Nachfragerückgang anzupassen, haben die US-Unternehmen ihre Lagerbestände im März weiter reduziert. Die Bestände sind um 0,3 Prozent gegenüber dem Vormonat zurückgegangen. Der Vorratsabbau im Februar wurde nach oben angepasst. Die weiterhin hohen Vorräte der Unternehmen haben im April die Produktion belastet. Nach Angaben der US-Notenbank ist der Output sowohl in der gesamten Industrie als auch im verarbeitenden Gewerbe um 0,3 Prozent zum Vormonat gesunken. Dies ist der siebte Rückgang in Folge. Vor dem Hintergrund der schwachen Investitionsausgaben der Unternehmen hat vor allem die Produktion von Investitionsgütern nachgelassen.

24 von 25 durch die Agentur Reuters befragte Anleihehändler prognostizieren für die heutige Fed-Sitzung eine weitere Zinssenkung in Amerika um 50 Basispunkte. Der Eurokurs blieb gestern zunächst unter der Marke von 88 US-Cents. Die jüngste Schwäche der Gemeinschaftswährung begründeten Devisenhändler auch mit der Fed-Sitzung. Die Aussicht auf eine weitere Zinssenkung stütze das Vertrauen der Investoren in eine baldige Erholung der US-Konjunktur. Skeptisch äußern sich Anlagestrategen allerdings zur Frage, wie die Börsen auf einen erneuten Zinsschritt reagieren werden. "Wir erwarten keinen Kursaufschwung", sagt der Europa-Chefstratege der Investmentbank Morgan Stanley, Richard Davidson. Denn die Marktteilnehmer hätten einen kräftigen Zinsschritt bereits fest einkalkuliert. Wenn die Fed die Leitzinsen nur um 25 Basispunkte reduziere, könnten Investoren enttäuscht reagieren, warnt Richardson. Dann seien Kursverluste zu erwarten. Letzteres vermutet auch James Barty, Anlagestratege der Deutschen Bank in London. "Bei einer Senkung um 50 Basispunkte könnten die Börsen dagegen durchaus steigen", sagt Barty. Eine dauerhafte Kursrallye erwarte er jedoch auf kurze Sicht nicht.

Der Handelsblatt-Eurokonjunktur-Indikator setzt seinen im August vergangenen Jahres eingeschlagenen Abwärtskurs weiter fort. Im Mai gab er mit 2,5 Prozent nochmals um 0,2 Prozentpunkte gegenüber dem Vormonat nach. Die in den Indikator eingehenden Einzelwerte entwickelten sich allerdings zuletzt durchaus unterschiedlich. Während die monetären Daten eine leichte Entspannung im Euro-Raum signalisieren und das Verbrauchervertrauen unverändert robust ist, hat sich die Stimmung bei den Industrieunternehmen weiter eingetrübt. Nach der jüngsten Indikatorentwicklung muss damit gerechnet werden, dass sich die Konjunkturschwäche mindestens noch bis ins dritte Quartal hinzieht.

Zum vierten Mal in Folge hat im April das von der EU-Kommission ermittelte Industrievertrauen nachgegeben. Mit einem Rückgang von Minus eins im Vormonat auf nunmehr Minus vier Punkte hat sich die Talfahrt gegenüber den vorangegangenen Monaten sogar beschleunigt. Ausschlaggebend dafür waren pessimistischere Produktionserwartungen bei gleichzeitig höheren Lagerbeständen. Das überdurchschnittlich starke Nachlassen des Industrievertrauens in Deutschland schlug dabei besonders zu Buche. Das Verbrauchervertrauen im Euro-Raum ist dagegen nach wie vor robust. Insbesondere werden die Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt deutlich günstiger eingeschätzt als noch vor einem halben Jahr. Die positive Grundstimmung der Verbraucher könnte sich in den kommenden Monaten als wichtiger Konjunkturstabilisator erweisen. Jedenfalls hat sich die Stimmung im Einzelhandel im April wieder deutlich erholt.

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