Konjunktur : Sorgenfrei einkaufen

Noch ignorieren die Verbraucher die Krise – obwohl Wirtschaftsforscher vor einer langen Phase der Stagnation warnen.

Carsten Brönstrup

Berlin - Für die deutsche Exportwirtschaft deutet sich ein Ende der rasanten Talfahrt der vergangenen Monate an. Die wichtigste Branche der Bundesrepublik werde als erste aus der Krise kommen und schon 2010 wieder zulegen, erwarten die Wirtschaftsforschungsinstitute RWI und Ifo in ihren am Dienstag vorgestellten neuen Konjunkturprognosen. Dennoch werde die Wirtschaftsleistung im kommenden Jahr bestenfalls stagnieren, bei einem gleichzeitigen Anstieg der Arbeitslosenzahl auf bis zu 4,8 Millionen. Die Verbraucher lässt diese Aussicht noch kalt – sie sind momentan so konsumfreudig wie seit einem Jahr nicht mehr, ergab eine Umfrage des Forschungsunternehmens GfK.

Der Abschwung im Außenhandel werde „nun allmählich auslaufen“, versicherte das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI). Das Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung sieht eine stärkere Produktion der Exportfirmen erst im Frühjahr 2010. Auf ein Ende der rasanten Talfahrt deuten auch Stimmungsumfragen in der Wirtschaft hin, der Ifo-Geschäftsklima-Index etwa war zuletzt drei Mal in Folge gestiegen.

Die Exportwirtschaft hat unter dem Zusammenbruch des Welthandels im Winter besonders gelitten. Vor allem Investitionsgüter und Autos, die Schwerpunkte der deutschen Ausfuhren, waren weltweit weniger gefragt. So exportierte die Bundesrepublik von Januar bis März 21,2 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Die wichtigsten Abnehmer sind die anderen Staaten der EU – und auch die leiden unter der Weltrezession.

Deutschland sei allerdings am stärksten betroffen, urteilten die RWI-Experten – sie rechnen mit einem Rückgang des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um 6,4 Prozent, die Ifo-Leute sehen ein Minus von 6,3 Prozent. Ein echter Aufschwung auf breiter Front ist nicht in Sicht: Während das RWI für 2010 von einem minimalen Wachstum von 0,2 Prozent ausgeht, hat das Ifo ein weiteres Schrumpfen der Wirtschaft um 0,3 Prozent auf der Rechnung. Damit nahmen beide Institute ihre bisherigen Prognosen noch einmal leicht zurück. „Diese Rezession ist unvergleichlich schwieriger und schärfer als die vorherige“, sagte Ifo-Chef Hans-Werner Sinn.

Die Folgen der Krise werden sich auf dem Arbeitsmarkt erst in den kommenden Monaten zeigen. „Die Arbeitslosigkeit nimmt noch deutlich zu“, sagte RWI-Konjunkturchef Roland Döhrn. Rund 4,6 Millionen Menschen dürften seiner Ansicht nach Ende 2010 einen Job suchen. Hinzu kämen weitere 200 000, die wegen einer geänderten Zählweise der Arbeisagentur nicht mehr Teil der Statistik sind. Derzeit sind 3,5 Millionen Bürger arbeitslos. Dank des Überstunden-Abbaus und vor allem der Kurzarbeit haben viele Betriebe bislang auf Entlassungen verzichtet. In den stärksten Industriestaaten dürften Ende kommenden Jahres 57 Millionen Menschen ohne Job sein, prognostizierte die Wirtschaftsvereinigung OECD.

Einigermaßen solide Einkommen und stabile Preise sorgen bei den Verbrauchern für gute Stimmung. Die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) ermittelte einen Konsumklima-Index von 2,9 nach 2,6 im Vormonat. Mehr Menschen als im Vormonat glauben der Umfrage zufolge an eine bessere wirtschaftliche Entwicklung. Außerdem rechneten immer mehr Verbraucher damit, künftig mehr Geld als bisher zur Verfügung zu haben. All dies habe dazu beigetragen, auch die Kauflaune im Juni weiter anzukurbeln, erklärt GfK-Experte Rolf Bürkl. Er warnte aber vor Euphorie: „Die wahre Bewährungsprobe steht ab Herbst an.“ Dann werde der Anstieg der Arbeitslosigkeit das Konsumklima deutlich drücken. Der Konsum trägt rund 56 Prozent zum deutschen BIP bei.

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