Konjunktur : Umzingelt von Problemen

Die Weltwirtschaft treibt in die Flaute. Der starke Euro belastet den Export. Ökonomen hoffen auf die deutschen Stärken, aber wie gut ist Deutschland tatsächlich auf die Krise vorbereitet?

Stefan Kaiser
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Die Gefahren lauern überall. Glaubt man den Ökonomen, dann ist Deutschland derzeit umzingelt von Problemen. Die Weltwirtschaft kühlt ab, Öl ist doppelt so teuer wie vor eineinhalb Jahren und die Exportwirtschaft ächzt unter dem starken Euro, der deutsche Waren in der Welt teuer macht.

„Die größte Bedrohung kommt aus den USA“, sagt Norbert Walter, Chefvolkswirt der Deutschen Bank. Deutschlands zweitwichtigster Handelspartner steckt tief in der Krise. Im vergangenen Jahr ist der Immobilienmarkt zusammengebrochen. Überschuldete Bauherren konnten ihre Hypotheken nicht mehr bezahlen. Die geplatzten Kredite trieben ganze Banken in diePleite.

Mittlerweile hat die Krise die gesamte Wirtschaft erfasst. Die Konsumenten halten ihr Geld zusammen, die Arbeitslosigkeit steigt rasant, die Unternehmensgewinne sinken. Bisher hat die Regierung eine Rezession mit Steuergeschenken an die Bürger vermieden. Doch Experten glauben, dass das dicke Ende noch kommt. „Die USA werden auch über 2008 hinaus im Abschwung sein“, sagt Deutsche-Bank-Ökonom Walter.

In vielen anderen Regionen der Welt sieht es kaum besser aus. Die Konjunkturdaten aus Japan seien „grottenschlecht“, sagt Ökonom Walter. Und selbst in Europa, wo viele lange Zeit auf eine Abkopplung von den USA hofften, verdüstert sich das Bild. Großbritannien und Irland haben mittlerweile ihre eigenen Immobilienkrisen. Die Wirtschaft wächst dort so langsam wie seit Jahren nicht mehr. Ähnlich schlecht ist die Lage in Spanien. Auch dort ist der Immobilienmarkt kollabiert und hat die Bauindustrie mit nach unten gerissen. Walter sieht zudem Volkswirtschaften wie Italien, Portugal oder Frankreich in der Krise. Sie seien „konstitutionell schwach“ und daher besonders stark vom Abschwung der Weltwirtschaft betroffen.

Kann Deutschland in solch einem schlechten Umfeld seinen Aufschwung fortsetzen? Wer auf diese Frage mit ja antwortet, verweist auf die boomenden Schwellenländer: China, Indien, Brasilien, Russland und die arabischen Ölstaaten. Dort wächst die Wirtschaft ungebrochen stark. Die Nachfrage, auch nach deutschen Exportprodukten, soll die Weltwirtschaft am Laufen halten. „China und Indien sind zusammengenommen so bedeutsam für die Weltwirtschaft wie der gesamte Euro-Raum“, sagt Christian Dreger, Leiter der Konjunkturabteilung beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. Er gehört derzeit zu den Optimisten unter den deutschen Ökonomen und erwartet für das laufende Jahr ein Wirtschaftswachstum nahe dem Vorjahreswert von 2,5 Prozent. Auch 2009 sieht Dreger die heimische Wirtschaft keinesfalls einknicken. „Deutschland steht gut da, weil es eine gute Exportstruktur hat“, sagt der Forscher. Die deutschen Unternehmen hätten sich auf hochwertige Investitionsgüter spezialisiert. „Die werden auch bei schlechtem Wechselkurs abgenommen, weil man nicht so einfach den Lieferanten wechseln kann“, erklärt Dreger. Andere Länder, wie etwa Italien, seien stärker auf Standardprodukte ausgerichtet und litten deshalb viel stärker unter dem starken Euro.

Auch Norbert Walter sieht „nach wie vor eine enorme Dynamik in bestimmten Unternehmen und Sektoren – vor allem, wenn es um Lieferungen in Rohstoffexportländer geht“. Doch die Nachfrage aus diesen Ländern werde die Ausfälle aus den anderen Staaten nicht kompensieren können. „Die Vorstellung, wir könnten munter weiterwachsen mit den paar Ländern, die noch ticken, ist angesichts der vielen Länder, die nicht mehr ticken, unrealistisch“, sagt Walter. Er zeichnet ein düsteres Bild der deutschen Wirtschaft: „Wir hatten lange Jahre zweistellige Wachstumsraten beim Export, jetzt gehen wir in Richtung null.“

Trotz all dieser Probleme sind sich die Experten einig: Deutschland ist heute besser auf den Abschwung vorbereitet als noch vor wenigen Jahren. „Die deutsche Wirtschaft ist konstitutionell stärker geworden“, sagt Walter. Die Unternehmen hätten sich in den vergangenen Jahren in Kostendisziplin geübt und immer stärker auf Wachstumsmärkte konzentriert. DIW-Experte Dreger betont vor allem die gesunkenen Ausgaben: „Die Lohnzurückhaltung in den Jahren 2005 und 2006 hat die Kostensituation bei den Unternehmen verbessert.“

Auch auf dem Arbeitsmarkt gibt es Fortschritte. „Der Arbeitsmarkt ist flexibler geworden, vor allem durch die Zeitarbeit“, sagt Andreas Rees, Chefvolkswirt Deutschland bei der italienischen Bank Unicredit. Was das im Abschwung wirklich heißt, weiß jedoch niemand. „2009 wird der Lackmustest für den deutschen Arbeitsmarkt“, sagt Rees. „Da wird sich zeigen, ob die bisherigen Reformen etwas genützt haben.“ Deutsche-Bank-Ökonom Walter ist skeptisch: „Auf dem Arbeitsmarkt wird es während des gesamten Jahres 2009 schlechte Nachrichten geben“, meint er und erwartet, dass die Unternehmen mit Stellenabbau auf die Konjunktur reagieren. „Der Abschwung wird länger dauern und stärker ausfallen als die Firmen bislang vermutet haben.“

Dass der Staat mit einem Konjunkturprogramm gegensteuern kann, wie Wirtschaftsminister Michael Glos (CSU) erwägt, glauben nur die wenigsten Experten. „So ein Konjunkturpaket wirkt nur mit Verzögerung“, gibt Christian Dreger zu bedenken. Zudem werde dadurch das Ziel gefährdet, bis 2011 einen ausgeglichenen Bundeshaushalt vorzulegen. Auch Deutsche-Bank-Chefvolkswirt Walter ist gegen kurzfristige Maßnahmen. Die Deutschen würden zusätzliches Geld eher auf die hohe Kante legen, als damit den Konsum anzukurbeln, warnt er und plädiert stattdessen für strukturelle Reformen, etwa eine Senkung der Sozialversicherungsbeiträge.

Wenn von innen nichts kommt, bleibt die Hoffnung auf die Rettung von außen. „Der konjunkturelle Abschwung in den USA ist typischerweise ziemlich kurz“, sagt etwa Henning Völpel vom Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut (HWWI). Er rechnet deshalb schon im nächsten Jahr mit einer Erholung – erst in den USA, dann auch in Deutschland. „Ende 2009 könnte die deutsche Wirtschaft schon wieder mit einer Jahresrate von zwei Prozent wachsen.“

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