Wirtschaft : Konjunktur: US-Wirtschaft dämpft Wachstum in Europa

mo

Die Schwäche der US-Wirtschaft wirkt sich stärker auf die Entwicklung in Europa aus als bisher erwartet. Deshalb hat die EU-Kommission am Mittwoch ihre Wachstumsprognose für die EU und die Währungsunion für das laufende Jahr von bislang 2,8 Prozent auf 2,2 Prozent nach unten revidiert. Volkswirte Frankfurter Großbanken bezeichnen dieses Szenario als optimistisch. Gleichwohl wird mehrheitlich nicht mit einer EZB-Zinssenkung gerechnet.

Nach der am Mittwoch von der EU-Kommission vorgelegten Frühjahrsprognose bildet Deutschland knapp vor Dänemark in diesem Jahr mit einem Wirtschaftswachstum von 2,2 Prozent das Schlusslicht in der EU. Gleichwohl bezeichnete EU-Währungskommissar Pedro Solbes die Entwicklung in Deutschland als robust. "Die 2,2 Prozent sind eine gute Zahl, auch wenn es weniger ist als in den meisten anderen EU-Staaten", sagte Solbes. Im Herbst war Brüsssel noch von einem Zuwachs von 2,8 Prozent ausgegangen. Die deutsche Wirtschaft sei von der Konjunkturschwäche in den USA besonders betroffen, betonte Solbes. Weltweit werde die Wirtschaft wegen der Probleme in den USA und Japan in diesem Jahr nur um 3,3 Prozent wachsen, schätzt die Kommission.

Allerdings rechnet Brüssel damit, dass die US-Wirtschaft nach der diesjährigen "abrupten Verlangsamung" bereits im kommenden Jahr wieder deutlich an Fahrt gewinnen wird. Für dieses Jahr schätzt die EU das US-Wirtschaftswachstum auf nur 1,6 Prozent, nach noch 3,3 Prozent im Herbst. Im nächsten Jahr allerdings soll es schon wieder besser werden, der Wert mit drei Prozent knapp über dem vergleichbaren EU-Wert liegen. Unter Frankfurter Volkswirten werden die neuen Prognosewerte aus Brüssel als optimistisch bezeichnet. Wie Michael Heise von der DG Bank erklärte, könne sich die europäische Wirtschaft nicht so stark von der Entwicklung in den USA abkoppeln, wie die Kommission offenbar unterstelle. Auch bei der Commerzbank gelten die Schätzungen aus Brüssel als "veraltet". Noch düsterer beurteilen die Ökonomen des Internationalen Währungsfonds (IWF) die Zukunft. So soll die Wachstumsprognose für Deutschland von 3,3 Prozent auf 1,9 Prozent deutlich nach unten revidiert werden. Für den Euro-Raum werde der Fonds die Prognose von bislang 3,4 Prozent auf 2,4 Prozent senken, hieß es am Mittwoch aus Regierungskreisen. Die neue Prognose wird der IWF heute in seinem Bericht zur Weltwirtschaftslage vorstellen.

Ungeachtet dessen wird an den Märkten überwiegend nicht mit einer Zinssenkung der EZB am heutigen Donnerstag gerechnet. Schon auf der letzten Ratssitzung vor Ostern hatte die Notenbank mit dem Hinweis auf die anhaltende Inflationsgefahr im Euroraum die Erwartungen enttäuscht und beschlossen, den entscheidenden Leitzins unverändert zu lassen. Nachdem die Statistischen Ämter der EU und des Bundes inzwischen höhere Inflationsraten für den EU-Raum und Deutschland veröffentlichten, dürfte "die EZB Schwierigkeiten haben, eine Zinssenkung zu begründen", sagte Steven Englander von der Citibank in London.

Im Vorfeld der Ratssitzung wies Bundesbank-Präsident Ernst Welteke Forderungen nach einer Zinssenkung durch die EZB zurück. Diese sei nicht geeignet, die Konjunktur in Europa anzukurbeln, sagte er der Wochenzeitung "Die Zeit". Vorrangiges Ziel sei vielmehr der Erhalt der Preisstabilität in der Euro-Zone. Darin unterscheide sich der Auftrag der EZB grundlegend von dem der Fed. Die US-Notenbank hatte am vergangenen Mittwoch zum vierten Mal in diesem Jahr den Leitzins in den USA um 50 Prozentpunkte auf nunmehr 4,50 Prozent gesenkt, um dem Konjunkturabschwung entgegenzuwirken. Dagegen liegt der vergleichbare Zins der EZB seit Monaten bei 4,75 Prozent. "Über eine Ankurbelung der Konjunktur rede ich erst dann, wenn eine Rezession wirklich kommen würde", sagte Welteke. Auch in Bankkreisen wird auf den weiteren Konjunkturverlauf in den USA verwiesen. Commerzbank-Chefvolkswirt Ulrich Ramm sagte, im Laufe des zweiten Halbjahrs werde man sehen, ob die drastischen Zinssenkungen durch die US-Notenbank erste Wirkung zeigen. Ramm betonte, die Konjunktur in Europa sei noch immer deutlich stabiler sei als in der USA. Deshalb sei die Zurückhaltung der EZB gerechtfertigt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben