Wirtschaft : Konjunktur verliert an Schwung

WIESBADEN (wmn/ari/HB/Tsp).Der Aufschwung hat im zweiten Quartal an Tempo verloren.Zwar wächst die deutsche Wirtschaft im ersten Halbjahr mit rund 2,9 Prozent immer noch kräftig, doch der Löwenanteil des Wachstums fand in den ersten drei Monaten des Jahres statt.Weiterhin ist der Export der Motor der Konjunktur, doch ziehen nun auch die Investitionen im Inland an.Immer noch schwach ist der private Konsum.Enttäuschend ist die Entwicklung in Ostdeutschland.Hier ist das schwache Wachstum inzwischen zur Stagnation verkümmert.

Die neuen Zahlen des Statistischen Bundesamtes haben die Erwartungen bestätigt, daß das Wirtschaftswachstum in Deutschland im zweiten Quartal wesentlich schwächer ausfallen werde als in den ersten drei Monaten.Zur Vorjahreszeit errechnete das Statistische Bundesamt nur noch einen Anstieg des realen gesamtdeutschen BIP von 1,7 Prozent.In den ersten drei Monaten waren es - nachträglich nach oben korrigiert - noch 4,3 Prozent, das beste Ergebnis seit der Wiedervereinigung.

Daß die Konjunktur wieder in etwas ruhigeres Fahrwasser mit allerdings immer noch solidem Wachstum gerät, bestätigen auch die Nachrichten aus den Unternehmen.So sieht BMW-Chef Bernd Pischetsrieder das laufende Jahr noch als Boomjahr für die deutsche Autoindustrie, allerdings sei der Höhepunkt erreicht.Neue Großinvestitionen von Automobilunternehmen wie Ford unterstreichen, daß mit dem Erreichen der Kapazitätsgrenzen das Wachstum auch auf die Inlandsinvestitionen übergegriffen hat.Das wird auch nötig sein, um den Aufwärtstrend in den kommenden Monaten zu stabiliseren, meinen die Wirtschaftsforscher.Denn einzelne Branchen wie die deutsche Halbleiterbranche leiden bereits schwer unter den Turbulenzen auf dem Weltmarkt.Die Preise für Micro-Chips sind beipielsweise in der Folge der Asienkrise auf ein Zehntel zusammengebrochen, so daß Unternehmen wie Siemens auch in Deutschland in dieser Sparte kaum noch Gewinne machen können.Auch für deutsche Exporte in die USA sehen die Auguren schwächere Zeiten anbrechen: denn nicht nur die US-Konjunktur, sondern auch der Dollar schwächeln etwas.Schon im dritten Quartal hat sich der Wachstumsbeitrag des Außenhandels verringert.Die Differenz konnte von der anziehenden Inlandsnachfrage noch nicht in vollem Umfang ausgeglichen werden.

Deprimierend bleibt die Entwicklung in Ostdeutschland.Obwohl hier der Staat als größter Nachfrager mit fast zehn Mrd.DM in Erscheinung getreten ist, stagniert die wirtschaftliche Entwicklung.Schon im vergangenen Jahr ist der Aufholpozeß der ostdeutschen Wirtschaft gestoppt worden, damals hatte der Staat noch fast 13 Mrd.DM ausgegeben.Jetzt fallen die neuen Länder im Wachstum zurück.Dies liegt vor allem am Auslaufen der steuerlichen Investitionsförderung, die vor allem dem Bau noch einmal einen scharfen Rückschlag verpaßt hat.Dagegen meldet die Industrie der neuen Länder zunehmendes Wachstum.

Die jetzt vom Statistischen Bundesamt vorgelegten Zahlen für das erste Halbjahr 1998 entsprechen nach Aussage der Wirtschaftsforschungsinstitute weitgehend den Prognosen.Zudem verweisen die Forscher in einer Umfrage des Düsseldorfer Handelsblattes darauf, daß nur die Gesamtbetrachtung der Zahlen für das erste Halbjahr aussagekräftig ist.So meint Enno Langfeldt vom Kieler Institut für Weltwirtschaft, der Aufschwung setze sich fort.Auch im Hinblick auf die weitere Entwicklung ist Langfeldt optimistisch.Wachstumslokomotive werde allerdigs in Zukunft weniger der Export als die Binnennachfrage sein.

Auch der private Konsum ist inzwischen auf einem guten Weg, sagen die Experten.Zwar zeigen die Zahlen des ersten Halbjahres noch keine Trendwende, aber das erfreuliche Ergebnis des Sommerschlußverkaufs im dritten Quartal hat jedenfalls nach Ansicht des Einzelhandels endlich die Wende gebracht.Die schlechten Zahlen für das zweite Quartal erklären sich zudem teilweise aus vorgezogenen Käufen wegen der Mehrwertsteuererhöhung zum 1.April.Auch in der der westdeutschen Bauwirtschaft sei Licht am Horizont zu erkennen.

Einig sind sich die Institute weitgehend in ihrer Einschätzung der derzeitigen Finanzkrisen.Sie bildeten zwar Risikopotential.Doch der dämpfende Effekt auf das Wirtschaftswachstum halte sich in Grenzen.Heinz Gebhardt vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung in Essen sagt, für Deutschland müsse im schlimmsten Fall mit einem Rückgang des Bruttoinlandsproduktes von 0,2 Prozentpunkten gerechnet werden.Außerdem versprächen sich die Wissenschaftler von einer Steuerreform weitere Wachstumseffekte.

Einzig das Berliner DIW hält sieht die Lage pessimistischer.Die Berliner haben sehen für das kommende Jahr nur noch ein Wachstum von 2,1 Prozent.Dieser Wert liegt deutlich unter den Vorhersagen der anderen Institute.Auch für das lafende Jahr sehen die Berliner nur noch ein Wachstum von insgesamt 2,5 Prozent.Deswegen fordert das DIW Maßnahmen zur Stärkung der Massenkaufkraft, also spürbare Lohnerhöhungen, Zinssenkungen und eine expansivere Ausgabenpolitik des Staates.

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