Wirtschaft : Konjunkturprognose 2001: Der deutsche Patient leugnet die Krankheit

Rainer Hank

Die Aussichten für das Wachstum in der Welt verdunkeln sich. Das haben alle gemerkt, Unternehmen, Notenbanken und das internationale Ölkartell - nur nicht die deutsche Bundesregierung. Dabei könnte die Politik der Konjunktur gefährlicher werden als die Opec. Am Wochenende nämlich hat die Opec in Wien beschlossen, die Ölförderung um vier Prozent zu drosseln. Doch diese Verknappung des Angebots wird nach Einschätzung der meisten Beobachter das Öl nicht verteuern. Unterdessen hat Bundeskanzler Gerhard Schröder beschlossen, vor den eingetrübten Konjunkturaussichten die Augen zu verschließen. Munter läuft der Kanzler seit Tagen durch das Land und verkündet, am stabilen Wachstum sei nicht zu zweifeln. Während Schröder seinen Finanzminister zwingt, immer noch einen Zuwachs von 2,75 Prozent zu prognostizieren, wagen seröse Forschungsinstitute für Deutschland kaum mehr als 2 Prozent vorher zu sagen. Aus noch kritischerer Sicht bleiben kaum mehr als 1,8 Prozent. Keine Frage: Einige Zehntelprozentpunkte sind Folge des Abschwungs der US-Wirtschaft. Doch der Rest ist hausgemacht. Aber der deutsche Patient leugnet die Krankheit. Schröders Wirtschaftsberater sollten einmal einen Blick werfen in eine neue Vergleichstudie des US-Brokerhauses Lehman Brothers: Gemessen an den langfristigen Wachstumsaussichten, der Performance des Arbeitsmarktes und der Wettbewerbsfähigkeit der Gütermärkte liegt Deutschland nämlich auch im europäischen Vergleich weit abgeschlagen. Nicht nur die Schweiz, Schweden, Holland und Irland schneiden besser ab, sondern selbst Frankreich. Medizin zur Besserung gibt es. Doch Schröder fürchtet, sie werde bitter und will sie vor den Wahlen nicht verordnen.

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