Konjunkturprognose : Aufschwung ohne Ende

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung rechnet mit 3,2 Prozent Wachstum – das bereitet der Notenbank Probleme.

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Absatzrekord. Daimler und die meisten anderen Autohersteller stoßen inzwischen an Kapazitätsgrenzen.
Absatzrekord. Daimler und die meisten anderen Autohersteller stoßen inzwischen an Kapazitätsgrenzen.Foto: dpa

Berlin/Frankfurt am Main - Der Aufschwung in Deutschland wird auch im kommenden Jahr nicht an Kraft verlieren. In diesem Jahr dürfte das Wirtschaftswachstum bei 3,2 Prozent liegen, im kommenden noch bei 1,8 Prozent. Das geht aus der neuen Konjunkturprognose des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) vom Mittwoch hervor. „Die positive Entwicklung wird 2012 weitergehen“, sagte Bert Rürup, Vorsitzender des Kuratoriums und Ex-Chef im Rat der Wirtschaftsweisen, in Berlin. Von Steuersenkungen riet er ab. „Man muss sich für schlechtere Zeiten das Pulver trocken halten“, empfahl er.

Das Wachstum wird nach Einschätzung des DIW zunehmend von der Binnennachfrage statt nur vom Export gespeist. Daher habe der Aufschwung laut Rürup nun „eine bessere Qualität“, auch wenn er geringfügig schwächer sei als 2010. Die Annahmen des DIW sind aber eher zurückhaltend – selbst Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) geht von einem Wachstum von mehr als drei Prozent aus, das Gewerkschaftsinstitut IMK des Ex-DIW-Forschers Gustav Horn sogar von vier Prozent. Nahezu alle Fachleute mussten ihre Prognosen in diesem Jahr bereits deutlich nach oben schrauben – so hatte das DIW noch im Januar für dieses und das kommende Jahr nur Zuwachsraten von 2,7 und 1,4 Prozent gesehen. Neue Zahlen vom Auftragseingang stützen die Annahmen. Die Bestellungen bei der Industrie legten im Mai um 1,8 Prozent gegenüber dem Vormonat zu, getrieben allerdings von einigen Großaufträgen.

Auf dem Arbeitsmarkt wird die Lage angesichts des Aufschwungs immer besser. Im ersten Quartal seien mehr Vollzeit- als Teilzeitstellen entstanden, berichtete das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. Laut DIW wird die Arbeitslosenzahl in diesem Jahr auf 2,97 Millionen und im kommenden auf 2,85 Millionen zurückgehen.

Probleme bereitet allerdings das unterschiedliche Wachstumstempo in Europa – vor allem für die Europäische Zentralbank (EZB). „Für die Nord- und Mitteleuropäer ist der Leitzins zu niedrig, für die Südeuropäer zu hoch“, sagte DIW-Konjunkturchef Ferdinand Fichtner. Nachdem sich die Euro-Länder zu Beginn der Währungsunion einander angenähert hätten, habe sich diese Entwicklung nun umgekehrt. Dabei werde es in den kommenden Jahren auch bleiben angesichts der Etatsanierung in den angeschlagenen Ländern, die wiederum das Wachstum schmälere.

Angesichts dieser Spannungen wird die EZB vermutlich an diesem Donnerstag die Leitzinsen von 1,25 auf 1,5 Prozent anheben – zum zweiten Mal in diesem Jahr. Mit nur noch einem weiteren Schritt in 2011 rechnen Experten. Grund ist die hohe Inflation von deutlich mehr als zwei Prozent. EZB-Präsident Jean-Claude Trichet hatte vor vier Wochen nach der letzten Ratssitzung wenig Zweifel daran gelassen, dass die EZB die Geldpolitik strafft. Man werde die Entwicklung der Preise „sehr wachsam“ verfolgen, sagte er Anfang Juni – im Sprachgebrauch der Notenbanker gilt diese Wortwahl als handfeste Ankündigung.

Dies werde die Anlagezinsen beflügeln, sagte Sigrid Herbst von der Frankfurter Finanzberatung FMH. Auch Kredite für Unternehmen könnten leicht teurer werden. Auf Ratenkredite, den Überziehungszins bei Girokonten und auf Baugeld hat die EZB-Entscheidung allerdings kaum Einfluss. Sie hängen am langfristigen Zins und am Wettbewerb unter Banken und Sparkassen. mit ro

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