Wirtschaft : Konjunkturprognose: Die Kleinen preschen vorneweg

Carsten Brönstrup

Gäbe es eine europäische Bundesliga des Wirtschaftswachstums, Deutschland wäre in akuter Abstiegsgefahr. Nur noch 2,6 Prozent betrug das Wachstum im vierten Quartal 2000 gegenüber dem Vorjahr - damit war laut Eurostat von den 15 EU-Mitgliedern nur Dänemarks Volkswirtschaft in einer schlechteren Verfassung. Im Vergleich zum Vorquartal wuchs Deutschland sogar nur noch um 0,2 Prozent und war damit eindeutig Schlusslicht. Das ist freilich nichts Neues - schon seit langem ist die Dynamik anderenorts größer. Aber warum? Sind die Unternehmer in anderen Ländern einfallsreicher, oder machen deren Politiker bessere Wirtschaftsgesetze?

Nein, findet Hans-Werner Sinn, Chef des Ifo-Instituts. Deutschland habe eine weit entwickelte Volkswirtschaft. Ländern wie Irland oder Portugal mit niedrigerer Ausgangsbasis und hohem Aufholbedarf falle es leichter, starke Zuwächse zu erzielen. "Außerdem ist Deutschland mit der Weltwirtschaft durch einen höheren Exportanteil enger verflochten als etwa Frankreich", sagt Jörg Dallmeyer, Konjunkturexperte bei Deutsche Bank Research. Deshalb sei der Abschwung in den USA und in Japan hier zu Lande auch schneller und deutlicher zu spüren gewesen. Unterschiedlich verlaufende Konjunkturzyklen in den EU-Ländern können jedenfalls an den Wachstumsdifferenzen nicht Schuld sein. Deutschland, Frankreich und Italien, die wichtigsten EU-Volkswirtschaften, schrumpfen und wachsen mittel- wie langfristig ungefähr im gleichen Rhythmus, wie eine neue Ifo-Studie ergab.

Tatsächlich beeindrucken aber vor allem acht kleinere Länder durch ein gesundes Wachstum. Die Niederlande, Belgien, Österreich, Finnland, Griechenland, Portugal und Irland wuchsen im vergangenen Jahr im Schnitt um 4,5 Prozent - Deutschland war mit seinem Plus von 3,1 Prozent mehr als zufrieden. Eindeutig sind die Gründe für das bessere Wachstum dort gleichwohl nicht, sagt Herbert Buscher, Konjunkturfachmann beim Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim. "Einstmals arme Beitrittsländer wie Portugal und Irland zum Beispiel haben stark von den Milliarden der EU-Strukturfonds profitiert", sagt er. In Ländern wie Finnland dagegen spiele der Techniksektor eine große Rolle, und der habe im Jahr 2000 einen deutlichen Zuwachs erlebt. Die Niederlande und Schweden hingegen hätten ihre Sozialversicherungssysteme früh fit für die Zukunft gemacht; nun profitierten Unternehmen und Verbraucher von der Planungssicherheit.

An Deutschlands Wachstumsschwäche seien im Gegenzug auch Versäumnisse der Wirtschaftspolitik schuld. Buscher: "Die Reform der Mitbestimmung, Beschränkungen in der Gentechnik, der rigide Arbeitsmarkt - all dies verschlechtert das Investitionsklima." Hinzu komme der Sparkurs von Finanzminister Hans Eichel (SPD). "Durch die einerseits begrüßenswerte Konsolidierung der Haushalte kommen andererseits vom Staat keine Impulse, welche die Konjunktur stabilisieren könnten", beschreibt ZEW-Konjunkturexperte Buscher das Dilemma.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben