Wirtschaft : Konrad Latte

(Geb. 1922)||Zwischen den Mitläufern und Mittätern fand er auch Gerechte.

Peter Schneider

Zwischen den Mitläufern und Mittätern fand er auch Gerechte. Konrad Latte ist vielen Musikliebhabern in Berlin ein vertrauter Name. Vier Jahrzehnte lang war er Leiter des Berliner Barockorchesters. Aber erst in den letzten Jahren seines Lebens wurde einem breiteren Publikum jener andere Teil seiner Biographie bekannt, über den Konrad Latte selber lange Zeit geschwiegen hat. Er war einer von den etwa 1300 Juden in Berlin, die von couragierten Deutschen versteckt wurden und die Jahre der Nazi-Verfolgung überlebten. Ich lernte Konrad Latte dank eines Briefes seiner Frau Ellen kennen. Nach den Anschlägen in Mölln, Hoyerswerda und Rostock forderten Bürgerinitiativen und Politiker von den Deutschen mehr „Zivilcourage“. In mehreren Artikeln hatte ich meiner Verwunderung darüber Ausdruck gegeben, dass wir über die Tradition dieser Tugend, etwa über die Geschichten der geretteten Juden und ihrer Helfer, kaum etwas wüssten. Ellen Latte lud mich ein, sie zu besuchen und mir Konrad Lattes Geschichte anzuhören.

Ich war von der Umgebung, in der die Eheleute lebten, überrascht. Nichts deutete darauf hin, dass diese beiden ein radikal anderes Leben hinter sich hatten als ihre Nachbarn in Berlin-Wannsee. Auf den ersten Blick wirkte Konrad Latte wie ein freundlicher, pensionierter Beamter. Sobald wir jedoch am Teetisch saßen, entfaltete er den Charme und die Spottlust eines Künstlers. Er sprach schnell, manchmal flüchtig, als lege er keinen besonderen Wert darauf, verstanden zu werden. Es dauerte eine Weile, bis ich begriff, dass der Achtzigjährige auf den jungen Konrad, von dessen schier unglaublichem Überlebenskampf er berichtete, nicht stolz war. Manchmal schien es, als habe er sich immer noch nicht damit abgefunden, dass er diesen Kampf überlebt hatte.

Die Geschichten, die im Laufe vieler Sitzungen aus ihm heraussprudelten, erzählten von einem Berlin, das ich nicht kannte. Die Nazi-Hauptstadt bevölkerte sich nach und nach mit einzelnen tapferen Frauen und Männern, die in das Bild vom braunen Berlin Lichtpunkte setzten. In Wedding, in Prenzlauer Berg, in Tegel, in Zehlendorf, in Steglitz, in Dahlem – in fast jedem Viertel gab es unter den Mitläufern und Mittätern ein oder zwei „Gerechte“, die kaum ein Risiko scheuten, um dem jungen Konrad und seinen Eltern ein Überleben im Berliner Untergrund zu ermöglichen. Da war die junge Schauspielerin Ursula Meißner, die auf eine kurze Empfehlung hin die eben erst aus Breslau geflüchtete Familie einlud, in ihrer Wohnung in Prenzlauer Berg zu bleiben. Da war der Gefängnispfarrer Harald Poelchau, der in seinem Büro im Gefängnis Tegel ein veritables Hilfszentrum unterhielt und seine Schützlinge mit Papieren, Lebensmittelkarten, Aushilfsjobs und Adressen für vorübergehende Unterkünfte versorgte. Da war der Komponist Gottfried von Einem an der Berliner Staatsoper, der nicht eine Sekunde zögerte, dem jungen Konrad seinen Dienstausweis zuzustecken.

Zwischen diesen und etwa fünfzig anderen Helfern bewegte sich Konrad durch die Stadt. Heute erscheint es kaum glaublich, wie viele Wege er täglich mit der Straßenbahn, der U- und S-Bahn zurückgelegt hat. In den Kriegsjahren musste jeder männliche Zivilist im Wehralter mit Kontrollen rechnen. Konrad trug ein Abzeichen der Nationalsozialistischen Arbeitsfront. Um sich auszuweisen hatte er nichts als einen wertlosen Postausweis. Dass er die Fahrten durch Berlin überstand, verdankte er wohl nicht nur seinem Gefahreninstinkt, seiner Menschenkenntnis, seiner Fähigkeit, blitzschnelle Entscheidungen zu treffen und seinem Glück. Womöglich beschützte ihn auch seine Liebe zur Musik, für die er jedes Risiko auf sich nahm. Konrad hatte es sich in den Kopf gesetzt, mitten im Krieg und unter den Augen von Nazihäschern, die die Stadt nach den letzten Juden durchkämmten, seine in Breslau zwangsweise abgebrochene musikalische Ausbildung fortzusetzen. Er verschaffte sich Zutritt zum Künstlerzimmer der Berliner Philharmonie – und erhielt Unterricht von dem berühmten Pianisten Edwin Fischer. Einer der großen Dirigenten jener Jahre, Leo Borchard, der zusammen mit seiner Lebensgefährtin Ruth Andreas Friedrich einer informellen Widerstandsgruppe angehörte und in Deutschland nicht mehr dirigieren konnte, führte ihn in seiner Steglitzer Wohnung in die Kunst des Dirigierens ein. Gottfried von Einem verschaffte ihm einen Job als Korrepetitor an der Staatsoper – wo Konrad nach einer abenteuerlichen Flucht aus der Sammelstelle in der Großen Hamburger Straße auch als Komparse arbeitete und dank der Hilfe eines Logenschließers viele Aufführungen aus der Intendantenloge verfolgte.

Die Frauen und Männer, die Konrad halfen, kamen aus allen gesellschaftlichen Schichten, es waren Schrebergärtner, Künstler, Hausmeister, Krankenschwestern, Ärzte, Geistliche und Atheisten. Einige von ihnen, darunter Konrads Frau Ellen, sind in Israel mit dem Orden für die „Gerechten der Völker“ geehrt worden. Verglichen mit der Zahl derer, die an dem Verbrechen gegen die Juden mitgewirkt haben oder es geschehen ließen, ist es eine winzige Schar. Aber am Ende sind es diese Wenigen, die den Nachlebenden eine Orientierung bieten. Ihr Beispiel widerlegt die Grundannahme aller Diktatoren: Dass sich alle Menschen unter gleichen Bedingungen von Terror und Unterdrückung gleich verhalten.

Der Autor hat über Konrad Latte ein Buch veröffentlicht: „Und wenn wir nur eine Stunde gewinnen ...“ Rowohlt Berlin 2001.

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