Wirtschaft : Konstruktive Langeweile

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Von Bernd Hops

2,6 Prozent mehr Gehalt. Das ist nicht gerade wenig, wenn die Inflationsrate fast bei Null liegt, und das Wirtschaftswachstum den Namen nicht verdient und ebenfalls bei knapp über Null dümpelt. Es ist ein ziemlich üppiger Abschluss für die 580000 Chemiearbeiter. Wie sich das gehört, haben beide Seiten gestern abend von schwierigen Gesprächen erzählt. Und trotzdem: Chemiearbeitgeber und die Gewerkschaft haben sich still und leise verständigt. Dazu haben sie noch mehr Lehrstellen beschlossen, und einen Qualifizierungsvertrag unterschrieben. In der Summe ist das ein Abschluss, mit dem sich selbst die Metallgewerkschafter hätten sehen lassen können, wenn sie in diesem Jahr über Löhne und Gehälter verhandeln würden. Bei den Metallern aber wäre die Sache nicht ohne Krach und Drohungen, ohne Warnstreiks und wüste Beschimpfungen der Gegenseite abgegangen.

In der Chemie ist das anders. Sicher, die Branche entwickelt sich besser als der Schnitt der deutschen Wirtschaft. Und die Produktivtität von Chemiearbeitnehmern ist auch besonders hoch. Aber der Ton zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern ist es eben auch: Das tarifpolitische Ritual spielt hier kaum noch eine Rolle. Der Akzeptanz der Vereinbarungen schadet das nicht, im Gegenteil. Die Tarifbindung in der Branche ist vergleichsweise hoch. Der Bereitschaft der Gewerkschaft, notleidenden Betrieben entgegen zu kommen, steht die Arbeitgeberhaltung gegenüber, auch mal etwas Neues zu versuchen. Wie den Vertrag über mehr Lehrstellen. Oder den über die Qualifizierung.

Viele halten die Chemiebranche für langweilig. Manchmal kann auch die Langeweile ganz spannend sein.

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