• Kontrolle der Kreditrisiken: Jochen Sanio: "Der Mittelstand profitiert vom internen Ranking" (Interview)

Wirtschaft : Kontrolle der Kreditrisiken: Jochen Sanio: "Der Mittelstand profitiert vom internen Ranking" (Interview)

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Jochen Sanio (53) ist seit dem 1. Juli Präsident des Bundesaufsichtsamts für das Kreditwesen in Berlin, das Ende dieses Jahres nach Bonn umzieht. Sanio hat bereits als Vizepräsident des Amtes viel Erfahrung auch auf internationaler Ebene gesammelt.



Herr Sanio, mitten in der Diskussion über die künftige Struktur der Bundesbank und über die Kompetenzen bei der Bankenaufsicht haben Sie jetzt den Chefposten beim Bundesaufsichtsamt für das Kreditwesen übernommen. Ein guter Zeitpunkt?

Das ist wirklich ein heißes Thema. Zuerst einmal muss die Struktur-Kommission für die Bundesbank unter dem Vorsitz des früheren Bundesbank-Präsidenten Karl Otto Pöhl, die so genannte Pöhl-Kommission, ihre Stellungnahme abgeben.

Warum dauert das so lange?

Die Kommission ist vier zu vier besetzt; die Vertreter der beiden Optionen "Zentralisierung der Bundesbank" oder "Beibehaltung der Landeszentralbanken" stehen sich gleich stark gegenüber. Das macht es so schwierig. Und das LZB-Thema ist auch ein Bankenaufsichts-Thema. Denn die Leute, die sich bei der Bundesbank operativ mit der Bankenaufsicht beschäftigen, sitzen größtenteils in den Landeszentralbanken. Die Frage, was geschieht mit der Bankenaufsicht regional, ist deshalb verständlicherweise von großer Bedeutung für die LZBs.

Hat angesichts der Internationalisierung des Bankgeschäfts nicht die grenzüberschreitende Zusammenarbeit in der Aufsicht Vorrang?

Nein. Die nationale und die internationale Dimension sind sehr wichtig. Die Frage, die jetzt sehr schnell entschieden werden muss, ist die der nationalen Aufsicht in Deutschland. Wir haben, was fast einzigartig in der Welt ist, ein stark dekonzentriertes Bankensystem mit immer noch 3000 Banken einschließlich der Sparkassen und Genossenschaftsbanken. Die Marktanteile sind also weit in der Fläche gestreut, insofern ist die regionale Komponente auch in der Bankenaufsicht sehr wichtig.

Wie soll die Bankenaufsicht nach Ihrer Meinung künftig organisiert sein?

Wir haben bisher für eine Bundesanstalt für Bankenaufsicht plädiert, die beim Bundesfinanzministerium angesiedelt ist. Ich bestreite aber nicht, dass eine sachgerechte Anstaltslösung auch bei der Bundesbank verwirklicht werden kann.

Muss man nicht zu einer Allfinanzaufsicht kommen, das heißt zur Zusammenlegung der Aufsichten über Banken und Versicherungen sowie über den Wertpapierhandel?

Wir hegen große Sympathie für eine Allfinanzaufsicht. Aber das Thema ist in Deutschland noch nicht akut, da wir - im Gegensatz zu Ländern wie Frankreich oder Großbritannien - bisher kaum Finanzkonglomerate haben. Aber das kann ja noch kommen.

Sind Sie mit der internationalen Kooperation in der Aufsicht zufrieden?

Natürlich müssen wir den Banken dahin folgen, wo diese weltweit an den jeweiligen Finanzplätzen tätig sind, und inbesondere vor Ort das jeweilige lokale Risikomanagement der Bank untersuchen. Darüber hinaus müssen wir unsere internationale Zusammenarbeit ständig weiterentwickeln und intensivieren. Wir haben dazu auch multilaterale und bilaterale Gremien.

Spricht nicht vieles für eine internationale Aufsichtsbehörde - zumindest auf EU-Ebene?

Bislang brauchen wir keine europäische oder gar Welt-Aufsicht. In den vergangenen Jahren ist eine intensive internationale Zusammenarbeit aufgebaut worden, die sehr gut funktioniert. Aber an großen Finanzplätzen, wo deutsche Banken immer mehr Geschäfte machen, müssten wir eigentlich Dependancen aufbauen.

Eine international gültige Regel ist der Baseler Akkord, der Regeln zur Risikoeinstufung von Kreditnehmern umfasst. Er wird insbesondere von Teilen es Mittelstandes heftig kritisiert. Kann der Mittelstand damit leben?

Wir werden demnächst zu einer Totalrevision des Akkords von 1988 kommen. Dieser hatte alle Kredite über einen Kamm geschoren, während die neuen Regeln viel stärker zwischen unterschiedlichen Kreditrisiken differenzieren. Ich glaube, dass der deutsche Mittelstand insgesamt von den neuen Regeln profitieren wird. Die meisten Unternehmen dürften sich mit der neuen Kreditrisiko-Einschätzung (Rating) durch die Banken besser stehen, nur wenige schlechter.

Plädieren Sie für das externe Rating, etwa durch große Rating-Agenturen, oder das interne Rating durch die Banken?

Für mich ist ganz klar: Das interne Rating ist der Stein der Weisen. Darüber sind sich auch mittlerweile alle einig.

Ist es kein Nachteil, dass wir noch keine Erfahrung mit dem internen Rating haben?

In der Tat ist ein Schwachpunkt, dass die meisten Banken noch keine langen Zeitreihen haben, also fundierte statistische Daten über Kreditausfall- beziehungsweise Verlustraten. Deshalb unternehmen die Banken große Anstrengungen, bis zur Umsetzung des neuen Baseler Akkords - möglicherweise Anfang 2003 - Zeitreihen über Ausfall- oder zumindest über Pleite-Wahrscheinlichkeiten für diese drei bis vier Jahre aufzubauen. Dabei entwickeln die großen Banken separat ihre eigenen internen Systeme, die Sparkassen und Genossenschaftsbanken arbeiten an Verbandslösungen, was wir sehr unterstützen. Schließlich muss die Bankenaufsicht das jeweilige interne Rating und das Kreditmanagement prüfen und abnehmen.

Brauchen Sie dann nicht mehr Personal für die Systemabnahme?

Ja, mehr Personal und mehr Schulung für diese Aufgabe und das möglichst schnell. Aber auch die Banken brauchen zusätzliches geschultes Personal, das die neuen Systeme zum Risikomanagement auch anwenden kann.

Was muss bei der Bekämpfung der Geldwäsche noch verbessert werden?

Auf Seiten der Bankenaufsicht wird sehr viel getan. Und auf Seiten der Banken sind wir inzwischen auch recht zufrieden mit der Anwendung des Geldwäschegesetzes. Aber je mehr wir das deutsche Bankensystem gegen Geldwäsche abschotten, desto wahrscheinlicher ist es, dass die Geldwäscher sich andere Wege suchen.

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