Wirtschaft : Konzernumbau am Stehtischchen

JOST MÜLLER-NEUHOF

Siemens feiert Geburtstag - doch die Stimmung war verhalten VON JOST MÜLLER-NEUHOF

Berlin.Im Jahr 1870 schrieb ein besorgter Werner von Siemens, den Untergang seines Unternehmens vor Augen, an seinen Bruder: "Lieber Bruder", heißt es da, "ich weiß nicht, wie ich meine Mitarbeiter über den Winter bringen soll." 127 Jahre später ist sich Konzernchef Heinrich von Pierer zwar sicher, daß er seine Mitarbeiter über den Winter bringen kann - er weiß bloß noch nicht welche."Wir sind leider bezüglich des Stellenabbaus im Inland noch nicht durch", sagt er am Donnerstag morgen dem ZDF. Dafür bringt Siemens seine Eigentümer ganz fantastisch über eine lange Hauptversammlung: Mit Erbsensuppe, Apfelsaft und - weitgehend - unbehelligt von Demonstranten.Das ICC ist weiträumig abgesperrt.Statt wie angekündigt direkt davor, inszeniert ein Verbund aus Anti-Atomkraft-Initiativen seinen Protest ein wenig abseits.Ein "Störfall": aus einem selbstgebastelten Reaktor entweichen Luftballons, die häßliche Details aus der 150jährigen Firmengeschichte in die Öffentlichkeit tragen sollen. Drinnen piepsen derweil die Sicherheitsschleusen.Die bunte Aktionärsschar erträgt das gelassen, fast sogar mit Spaß.Nicht selten legt ein Stadtführer unterm Arm auch die Vermutung nahe, daß der Höhepunkt des Tages kaum im Innern des ICC bevorsteht.Als die Veranstaltung um kurz nach zehn Uhr beginnt, ist der Saal I bis auf die obersten Ränge gefüllt."Komisch", sagt einer, "noch gar keine Proteste." Nur wenig später beginnt Konzernchef Heinrich von Pierer mit seiner Ansprache.Doch er kommt über die Begrüßung nicht hinaus.Rund zwanzig junge bis sehr junge Menschen stürmen vor die Bühne, entrollen Plakate und fordern mit hellen bis sehr hellen Stimmen Entschädigung für Zwangsarbeiter, die Siemens während des Krieges für seine Werke rekrutierte.Von Pierer macht ein Päuschen und dazu ein Gesicht, als ob es regnen würde.Die Proteste gehören zum Programm, in München wie in Berlin, und schließlich hatte der Dachverband Kritischer Aktionäre auch angekündigt, er werde hundert Eintrittskarten unter Gleichgesinnten verteilen.Entsprechend routiniert fordern die Sicherheitsleute die Demonstranten auf, das Podium zu verlassen.Nur ein Mann zerrt an den Transparenten und schimpft."Wer hat da die Nerven verloren?", fragt ein Siemens-Sicherheitsmann, als die Protestgemeinde zum Ausgang begleitet wird."Ach, bloß irgendein Aktionär", antwortet sein Kollege. So also sind Aktionäre, wenn sie die Nerven verlieren.Recht weit von soviel Anteilnahme für ihren Konzern sind allerdings diejenigen entfernt, die Pierer Pierer sein lassen und lieber im Foyer an den Stehtischchen ihre eigenen Thesen zum Konzernumbau formulieren.Während drinnen die ersten Aktionäre ans Mikrofon treten, werden es immer mehr, und nach und nach verlagert sich die eigentliche Siemens-Diskussion auf die Gänge.Da entwickelt sich auch langsam etwas, das sich der Aufsichtsratsvorsitzende Hermann Franz "trotz der zu erwartenden Störungen" für den Tag am Gründungsort so gewünscht hatte: ein wenig Vergnügen an der Sache, denn schließlich ist Geburtstag.Doch das währt nur kurz.Am Mittag, als die Schnittchen welkten, leerte es sich merklich.

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