Kopfsalat statt Mikrochips : Toshiba züchtet jetzt Gemüse

Wie man in Städten Lebensmittel erzeugen kann, diskutieren die Agrarminister auf der Grünen Woche. Japanische Technologiekonzerne entwickeln bereits die Gewächshäuser der Zukunft.

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In einer früheren Diskettenfabrik im Süden von Tokio züchtet Toshiba jetzt Rucola.
In einer früheren Diskettenfabrik im Süden von Tokio züchtet Toshiba jetzt Rucola.Foto: Toshiba

Rucola können Noriaki Matsunagas Kinder langsam nicht mehr sehen. „Eine Zeit lang mussten sie es jeden Tag zur Probe essen“, sagt der Ingenieur und grinst, als er die Tür zur alten Diskettenfabrik aufschiebt. „Aber es ist eben gesund, und Papa hat reichlich davon vorrätig." Matsunage arbeitet für den japanischen Multikonzern Toshiba. Der ist eher bekannt für seine Atomreaktoren, Kühlschränke, Halbleiter und Unterhaltungselektronik. Nun stößt das Unternehmen, das zuletzt wegen eines Bilanzskandals hohe Verluste verbuchte, in einen neuen Geschäftsbereich vor: Hightechgemüse soll die Ernährungsprobleme der Welt lösen.

Davon gehen nicht nur die Japaner aus. Neue Gewächshäuser waren auch Thema am Wochenende am Rande des Welternährungsgipfels, der zur Grünen Woche in Berlin begann. „Wir müssen in der Lage sein, in Zukunft die Megacitys zu ernähren“, erklärte Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) am Sonnabend, wo er mit Amtskollegen aus 67 Länder diskutiert, was es bedeutet wenn im Jahr 2050 vier von fünf Erdenbürger in Städten leben – und versorgt werden wollen.

Toshiba baut nicht nur Technik - sondern züchtet auch Gemüse

In Toshibas ehemaliger Diskettenfabrik in Yokosuka, einer kleinen Stadt im Süden von Tokio, reihen sich hinter einer dicken Glastür deckenhohe Regale, auf deren Etagen grelles Licht scheint. Darunter sprießen in unnatürlich rechtwinkliger Ordnung grüne Pflänzchen. „35 Tage dauert es, bis wir sie essen können.“ Deutlich schneller als herkömmliches Gemüse vom Feld. „Das hier ist die Produktionsweise der Zukunft“, sagt Matsunaga ohne einen Anflug von Zweifel.

Aber seit einem Jahr dienen diese sterilen, keimfreien Reinräume, in denen die alten Datenträger produziert wurden, zur Herstellung von Gemüse. Das Wissen über Laborproduktion aus diversen Geschäftsbereichen soll dabei helfen, Grundnahrungsmittel völlig zuverlässig für den Markt zu produzieren. „Bei uns gibt es keine Zufälle mehr“, sagt Matsunaga. Die Temperatur liegt konstant bei 28 Grad, die Luftfeuchtigkeit ist perfekt kontrolliert, ebenso die Stärke des UV-Lichts, das in den Regalen auf die Pflanzen herabscheint. Deren Samen wiederum wurden anfangs in eine Plastikschale mit einem Schwamm eingesetzt, der exakt abgemessene Wasserdosen aufsaugt. Der Vorgang wird per Kamera überwacht – alles geschieht mit Technologien, die Toshiba schon aus anderen Geschäftsbereichen beherrscht.

Selbst Panasonic betreibt eine Gemüse-Farm

Mittlerweile üben sich eine Handvoll japanischer Hightech-Konzerne in der Produktion von Gemüse. Panasonic, das einst durch Fernseher und Kühlschränke weltweit berühmt wurde, unterhält in Singapur eine 250 Quadratmeter große Farm, wo im Jahr 3,6 Tonnen Blattgemüse und Kräuter hergestellt werden. Der Konzern Sharp baut unter Hightechbedingungen in Dubai Früchte an. Fujitsu, bekannt vor allem für seine Halbleiter und IT-Produkte, stellt auf einem ehemaligen Fabrikgelände Gemüse vor. Das Unternehmen Mirai testet ähnliche Möglichkeiten in einer alten Produktionsanlage von Sony. So macht es auch Toshiba, und das mit einer ganzen Reihe an Varianten: neben verschiedenem Blattgemüse, Mizuna und Spinat baut der Konzern auf 2000 Quadratmetern Fläche auch mehrere Kräuterpflanzen an, und verkauft die Produkte schon.

Den Salat aus der Fabrik muss man nicht waschen

Im Showroom von Toshiba zeigt sich die breite Palette des Konzerns. Auf Toshiba-Fernsehern führt Konzernsprecher Hirokazu Tsukimoto einen Film über das Gemüse vor. „Alles ist sauber und nachhaltig produziert“, beteuert er. Gegen die Dürre im Raum sprüht ein Toshiba-Luftbefeuchter Dampf unter die Decke, daneben steht eine hauseigene Elektroheizung. Auf der anderen Seite des Raums ist eine Küchenzeile installiert, auf der Mixer, Toaster und Reiskocher von Toshiba auf ihren Einsatz warten. Aus einem Toshiba-Kühlschrank holt Tsukimoto den neuen Stolz des Konzerns – eine Plastikdose mit Toshiba-Blattsalat – der frischer, sauberer und länger haltbar zugleich sein soll.

Tatsächlich schmeckt der Salat untypisch stark und frisch. Da das Gemüse im Labor nicht eingesprüht werden muss, um es vor Würmern, Käfern und Bakterien zu schützen, ist vorm Essen auch kein Abwaschen nötig. So geht der Geschmack nicht verloren. Hinzu kommt: durch die Labortechnik kann unabhängig von Wetter und Saison rund ums Jahr gesäht und geerntet werden. Zumindest theoretisch wäre das Risiko magerer Ernten damit überwunden.

Toshibas Gemüsesparte wächst

Es sind einmal gute Nachrichten aus dem Multikonzern. Als bei der Nuklearkatastrophe vor viereinhalb Jahren im Nordosten Japan das Atomkraftwerk Fukushima Daiichi havarierte, erwiesen sich die von Toshiba erbauten Reaktoren als nicht sicher genug. Spitzenmanager mussten gehen. Doch die neue Gemüsesparte steht nicht zur Debatte, beteuert man auf dem Gelände in Yokosuka. Schließlich sei die Technologie mittlerweile so weit entwickelt, dass sie für den Export reif ist. Gerade in Entwicklungsländern, in denen das Klima stark schwankt und die Bevölkerung schnell wächst, könne grüne Nahrung ohne Pestizide durchaus helfen. In den Philippinen, Thailand, Brasilien und China hat Toshiba daher schon Anfragen für eine Zusammenarbeit erhalten, sagt ein Konzernsprecher. Auch in reichen, aber für bestimmte Gemüsesorten zu heißen Ländern wie Singapur und den Arabischen Emiraten bestehe Interesse.

Technisch gesehen könnte viel mehr Grünes gezüchtet werden. Im Gewächshaus hinterm Showroom führt Noriaki Matsunaga durch die Reihen: Rettich, Rucola, Basilikum, Zwiebelarten baut er hier an. „Alle können in unserem künstlichen Klima gut wachsen“, sagt Matsunaga. „Aber viele Sorten sind bisher nicht effizient, also haben wir noch längere Testphasen vor uns. Erdbeeren brauchen zum Beispiel zu viel Platz um zu wachsen, und am Ende sind dann auch nur fünf bis zehn Prozent der Ergebnisse wirklich essbar.“ Beim Blattsalat, der schon auf Wochen- und Supermärkten verkauft wird, liegt dieser Wert zwischen 80 und 90 Prozent.

Doch auch das Blattgemüse ist noch vergleichsweise teuer, wenn es aus dem Labor kommt. So sind Toshibas Kunden bisher Restaurants, die das Grünzeug als Zutaten benötigen, aber kaum Endverbraucher. Von den 550 000 Tonnen Blattsalat, die in Japan täglich abgesetzt werden, macht das Hightechprodukt derzeit weniger als ein Prozent aus.Toshibas Gemüse muss noch billiger werden. Und dies nicht nur in Konkurrenz zu herkömmlichen Bauern. Vor allem, weil andere Technikkonzerne auch schon mit Hochdruck laborieren.

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