Korruption bei Siemens : „Wir arbeiten uns hoch“

Der Verwalter der schwarzen Kassen bei Siemens ist verurteilt. Gegen Ex-Direktor Reinhard Siekazcek wurde eine hohe Geldstrafe und eine Haftstrafe auf Bewährung verhängt. Das Gericht vermutet hinter ihm jedoch ein ganzes System gezielter Korruption beim Traditionskonzern.

Thomas Magenheim

München - Richter Peter Noll erlaubte sich einen Blick ins Herz des von ihm soeben wegen Untreue verurteilten Reinhard Siekaczek. „Rabenschwarz“ müsse es dort aussehen, stellte der Jurist zum Abschluss des 15-tägigen Prozesses gegen den ehemaligen Siemens-Direktor fest. Ein Exempel habe das Gericht dennoch nicht statuiert und milde geurteilt.

Denn es gebe gute Gründe, die persönliche Schuld des 57- Jährigen zu relativieren. Die Urteilsbegründung, vorgetragen im größten Saal des Landgerichts, zeigte dann, warum das Verfahren gegen den überführten Architekten der schwarzen Kassen als erster von mehreren Siemens- Schmiergeldprozessen Geschichte schreiben wird. Denn Siekaczek, verurteilt zu zwei Jahren auf Bewährung und einer Geldstrafe von 108 000 Euro, hat nicht nur in eigener Sache gestanden, sondern sich zum Kronzeugen gegen das System Siemens gemacht.

Als Organisator und Verwalter schwarzer Firmenkassen habe sich Siekaczek wie ein „loyaler Siemensianer alten Schlages“ benommen und stets getan, was Vorgesetzte von ihm erwarteten, folgerte der Richter. „Es gab einen Auftrag vom Bereichsvorstand.“ Deshalb sträube sich der gesunde Menschenverstand dagegen, dass nur ein Ex-Direktor auf der Anklagebank sitze und nicht die ganze Firma. Aber ein Unternehmensstrafrecht, das einen Konzern vor den Kadi bringe, gebe es eben nicht.

Doch auch Siekaczeks Rolle beleuchtete der Vorsitzende Richter kritisch. Die Marschbefehle, die der von oben erhalten habe, seien offenkundig illegal und damit nicht wirksam gewesen, und der Angeklagte sei nicht nur ein kleiner Buchhalter gewesen. Manchmal, so resümierte der 47-jährige Jurist, sei es im Prozess sogar lustig zugegangen. „Es war aber eine Art Lachen, die einem im Halse stecken bleibt.“ Im Konzern hätten sich ein „System organisierter Unverantwortlichkeit, augenzwinkernde Zustimmung und ein erodiertes Rechtsbewusstsein“ entwickelt. Er habe zwar nur über Siekaczek zu urteilen, sagte Noll. Aber nach dem Prozessverlauf dränge sich der Verdacht auf, „dass der gesamte Zentralvorstand Bescheid wusste“. Viele Top-Manager waren als Zeugen geladen geworden, hatten es aber vorgezogen, sich auf ihr Zeugnisverweigerungsrecht zu berufen, um sich nicht selbst zu belasten.

„Man hätte es gut gefunden, wenn die Verantwortlichen auch Verantwortung gezeigt hätten“, beklagte Noll und verwies auf zahlreiche Indizien, die auf eine Mitschuld von Ex-Vorständen aller Hierarchiestufen deuteten. Mindestens zwei weitere Strafverfahren seien spätestens im Herbst zu erwarten, sagte Oberstaatsanwalt Anton Winkler. „Wir arbeiten uns hoch.“ Namen nannte er nicht. Die Justiz ermittelt gegen rund 300 Personen in Sachen Schwarzgeld bei Siemens. Darunter sind auch vier ehemalige Zentralvorstände und mehrere Ex-Bereichsvorstände. Bis alle Verantwortlichkeiten geklärt sind, werde es wohl noch bis zu drei Jahre dauern und weiterer Prozesse bedürfen, schätzte Siekaczek-Anwalt Uwe von Saalfeld. Sein Mandant sei ein „Rad in einem Geflecht ungeheueren Ausmaßes“ gewesen. Das Urteil ist bereits rechtskräftig, da sowohl Staatsanwaltschaft als auch Verteidigung es akzeptierten.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben