Wirtschaft : Korruptionsvorwürfe gegen Teamster-Chef Ron Carey

YNE ESTERHAZY (HB)

Schwerer Schlag für US-Transportarbeitergewerkschaft / Betrug zur Finanzierung der Wahlkampagne?YVONNE ESTERHAZY (HB)

WASHINGTON.Vor einem Jahr galt Ron Carey noch als Aushängeschild der modernen Gewerkschaftsbewegung.Heute ist alles anders: Der Chef der US-Transportarbeiter-Gewerkschaft Teamsters mit ihren 1,4 Mill.Mitgliedern hat nach Ansicht eines amtlichen Ermittlers bei seiner Wahl zum Vorsitzenden vor rund einem Jahr Mitgliedsbeiträge mißbraucht, um seinen Wahlkampf zu finanzieren.Er darf sich daher auf Beschluß des ehemaligen Richters Kenneth Conboy, der die komplexe Affäre aufklären soll, nicht mehr zur Wiederwahl stellen.Der 61jährige Carey soll 1996 im Wahlkampf gegen seinen Rivalen James P.Hoffa fast eine Mill.Dollar aus der Gewerkschaftskasse für eigene Zwecke verwendet haben.Zwar beteuerte Carey, er habe von den Machenschaften nichts gewußt, doch erst im September hatten drei seiner engen Mitarbeiter eingestehen müssen, daß sie an den Unregelmäßigkeiten beteiligt waren.Der Beschluß ist ein schwerer Schlag ­ nicht nur für die Teamsters selbst, sondern auch für die US-Arbeitnehmerorganisationen und ihren Dachverband AFL-CIO.Der Ermittler stellte fest, daß auch hochrangige Mitglieder des AFL-CIO bei den betrügerischen Machenschaften zur Finanzierung der Carey-Kampagne ihre Finger im Spiel hatten.Carey galt bis vor einem Jahr als Saubermann und Reformer, der die 104jährige Transportarbeitergewerkschaft endlich ins 21.Jahrhundert führen sollte.Die Teamsters hatten lange den Ruf, die korrupteste Gewerkschaft der USA zu sein.Es entbehrt demnach nicht einer gewissen Ironie, daß der ehemalige UPS-Fahrer, der noch über den Stallgeruch des traditionellen Gewerkschafters verfügte und 1991 als erster demokratisch gewählter Teamster-Chef angetreten war, nun selbst als korrupter Funktionär entlarvt wurde.Der Sieg seines alten Rivalen Hoffa ist damit im kommenden Jahr so gut wie sicher, zumal der 56jährige Sohn des legendären Gewerkschaftsbosses Jimmy Hoffa sich den hohen Bekanntheitsgrad seines Namens zunutze machen dürfte.Dem skandalumwitterten Hoffa-Senior, der 1975 unter mysteriösen Umständen verschwand, waren stets Verbindungen zur Mafia nachgesagt worden ­ sein Tod ist bis heute nicht aufgeklärt.Die Entscheidung gegen Carey bedeutet auch für die gesamte Gewerkschaftsbewegung, die sich in letzter Zeit wieder auf dem aufsteigenden Ast wähnte, einen herben Rückschlag.Jahrelang schien der Niedergang der US-Arbeitnehmerorganisationen unaufhaltsam zu sein.Mitgliederschwund und schrumpfender politischer und wirtschaftlicher Einfluß prägten das Bild: Von 1955 bis 1996 fiel der Organisationsgrad der US-Arbeiter von 35 Prozent auf 14,5 Prozent zurück, die Mitgliederzahl der Gewerkschaften schrumpfte auf nur noch 16 Mill., der gewerkschaftliche Einfluß bei Tarifverhandlungen ist minimal.In den 80er Jahren wurden den Gewerkschaften vom republikanischen Präsidenten Ronald Reagan die Zähne gezogen, und auch der Demokrat Bill Clinton war nicht an einer Wiederbelebung der alten Strukturen interessiert.Als John Sweeney daher vor zwei Jahren die Führung des Gewerkschaftsbundes AFL-CIO übernahm und erklärte, er wolle die Macht der Gewerkschaften wiederherstellen, erntete er Hohn und Spott.Doch im Sommer dieses Jahres zeichnete sich erstmals eine Trendwende ab.Die boomende US-Wirtschaft und die geringe Arbeitslosigkeit verschaffte den Gewerkschaften neues Selbstbewußtsein.Vor diesem Hintergrund ließen sich die Teamsters auf einen Streik mit dem Paketzusteller UPS ein.Finanziell unterstützt wurden sie dabei vom AFL-CIO, der Millionenkredite für die Streikgelder zur Verfügung stellte.Der Machtkampf, der mit Konzessionen auf beiden Seiten beendet wurde, verschaffte den Teamsters einige Sympathien in der US-Öffentlichkeit und ließ Carey voreilig triumphieren.Im vergangenen Jahr spendeten die Gewerkschaften rund 40 Mill.Dollar für die Demokraten und waren damit die größten Gönner der Partei.Auch die Teamsters zählten unter Careys Führung zu den großzügigsten Spendern für den Wahlkampf Clintons.Ihre Rechnung präsentierten die Arbeitnehmerorganisationen jetzt bei der vom Präsidenten gewünschten Fast-track-Authority, die dem Kongreß lediglich die Möglichkeit eingeräumt hätte, künftige Handelsvereinbarungen im Paket anzunehmen oder abzulehnen, nicht aber im Detail zu verändern.Die Gewerkschaften gehören zu den schärfsten Gegnern künftiger Freihandelsabkommen, weil sie den Verlust von Arbeitsplätzen an Billiglohnländer fürchten.

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