Wirtschaft : Kostenlos essen und Weihnachtsgeld zahlen

Unternehmen bemühen sich um den Nachwuchs.

Julia Rotenberger/Morian Samuel

Berlin - Für rund 9300 Jugendliche in Berlin ist am Montag Ausbildungsbeginn in einem Betrieb. 330 Lehrstellen sind nach Angaben der Industrie- und Handelskammer (IHK) aktuell noch unbesetzt, im Handwerk 409 Stellen. Gesucht werden noch Bankkaufleute, Einzelhandels- und Hotelfachleute sowie Bäcker und Friseure. Dabei ist die Situation im Vergleich zu anderen Regionen noch entspannt. „409 unbesetzte Stellen sind keine auffällige Zahl“, sagt Daniel Jander von der Handwerkskammer und hat auch eine Erklärung dafür. „Wir haben Glück, dass Berlin als Stadt so beliebt ist.“

Doch auch hier macht sich Nachwuchsmangel in manchen Branchen bemerkbar. Gerrit Buchhorn, zuständig für die Ausbildung beim Hotel- und Gaststättenverband, beklagt das Imageproblem seiner Branche. Wer eine Ausbildung im Gastgewerbe beginnt, führt sie mit großer Wahrscheinlichkeit nicht zu Ende. Jeder zweite Restaurantfachmann bricht seine Ausbildung ab, wechselt den Betrieb oder gar den Beruf. Der Verband bemüht sich deshalb in einer Initiative um mehr Ausbildungsqualität, indem sich Unternehmen verpflichten, bestimmte Standards bei der Arbeitszeit und Azubi- Betreuung einzuhalten. Von Prämien und Geschenken für die jungen Leute hält dagegen Buchhorn nichts. „Dadurch wird die Qualität der Bewerber ja nicht besser“, sagt er.

Manche Hotels zahlen ihren Azubis außertarifliches Weihnachtsgeld, organisieren Trainingsmaßnahmen und haben Bonussysteme. Die Accor-Hotelkette zum Beispiel bietet ihren Azubis Trainee-Programme, Willkommens- und Orientierungstage, lässt sie kostenlos essen und zahlt – je nach Geschäftslage – außertarifliches Weihnachtsgeld. Wer im Estrel-Hotel in Neukölln die Ausbildung beginnt, kann jedoch nicht mit Geldzuschüssen rechnen. „Der Hotellerieberuf ist nicht dafür bekannt, dass man dort zum Millionär wird“, sagt Personaldirektorin Annette Bramkamp. Dafür stellt das Hotel den neuen Azubis Paten zur Seite, die sie während der ersten Wochen begleiten – auch in die Kantine.

„Als Unternehmen haben wir nicht mehr die gleiche Auswahl wie früher. Aber diese Auswahl hat uns auch arrogant gemacht“, räumt Bramkamp ein. Stellte das Hotel vor Jahren noch überwiegend Abiturienten ein, so hätten die heutigen Azubis zumeist Mittlere Reife.

Manchmal verändern die Ausbilder auch die Lehrinhalte, um den Jugendlichen für den Beruf zu begeistern. „Wenn man junge Leute nach dem Beruf Fleischer fragt, sagen die meisten ‚der macht Tiere tot’, dann macht er Thekenverkauf und dann macht er Wurst“, sagt Olaf Nikolaus, Ausbilder an der Berliner Fleischereifachschule. Dabei muss ein Fleischer auch Gerichte zubereiten können. Seit einigen Jahren kooperiert die Fleischerschule deshalb mit der Konditorei- und der Bäckereischule. Zudem können die Lehrlinge an Austauschprogrammen in Frankreich und in den Niederlanden teilnehmen. Und Nikolaus berichtet von Geldzuschüssen für die Azubis, etwa Prämienprogramme im Verkauf. Doch obwohl alle versuchen, den Beruf attraktiver zu machen, können sie Nikolaus zufolge eines nicht ändern: „Ein Fleischer bleibt ein Fleischer.“ Julia Rotenberger/Morian Samuel

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