Wirtschaft : Kräftiger Aufschwung in Deutschland erst 2003

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Nach der schwersten Wirtschaftskrise seit zwanzig Jahren werden die Industriestaaten frühestens Mitte kommenden Jahres wieder einen Aufschwung erleben. In Deutschland sei erst 2003 ein Ende der Konjunkturflaute in Sicht, erwartet die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in ihrem jüngsten Wirtschaftsausblick. 2002 werde die deutsche Wirtschaftsleistung nur um 0,7 Prozent zunehmen und damit unter dem Durchschnitt der Europäischen Union bleiben. Damit sich die Lage der Unternehmen verbessert, müsse die Europäische Zentralbank (EZB) ihren Spielraum für Zinssenkungen nutzen, verlangen die Wirtschaftsforscher. Der Abschwung hat besonders die Exportwirtschaft getroffen: Sowohl in Deutschland als auch in den USA gab es zuletzt einen deutlichen Rückgang.

"Die Terroranschläge vom 11. September haben in der Weltwirtschaft einen schweren Schock ausgelöst", stellt die in Paris ansässige OECD fest, der die 30 wichtigsten Industrieländer der Welt angehören. Im zweiten Halbjahr 2001 werde die gesamtwirtschaftliche Produktion im OECD-Raum "zum ersten Mal seit 20 Jahren" geringfügig schrumpfen. 2002 werde es dann wieder bergauf gehen, wenn auch nur um lediglich ein Prozent. Derzeit seien jedoch alle Vorhersagen mit großer Unsicherheit behaftet.

In den USA werde die Wirtschaft im ersten Halbjahr 2002 um 0,1 Prozent schrumpfen, ehe sie im zweiten Halbjahr um 3,8 Prozent anziehe. Allerdings könnte bei Nachlassen der Bremswirkungen durch die Ungewissheiten nach dem 11. September und durch die Kurseinbrüche an der Börse der Aufschwung "kräftig ausfallen und im zweiten Halbjahr 2002 voll zu Tage treten". Für die Europäische Union erwartet die OECD 2002 ein Plus von 1,5 Prozent. Grafik: Konjunktur In Deutschland wird die Entwicklung unter diesem Wert bleiben. Bei nachlassendem Exportwachstum und schrumpfender Anlageninvestition habe im Frühjahr "eine Stagnation" eingesetzt. Allerdings dürfte sich die Konjunktur im Laufe des kommenden Jahres beleben. Die OECD-Experten empfehlen der Regierung - ebenso wie vergangene Woche die fünf Wirtschaftsweisen - auf Konjunkturprogramme zu verzichten, aber Strukturreformen für Arbeitsmarkt und Sozialpolitik anzugehen. Auch eine weitere Zinssenkung könne die Lage der Unternehmen verbessern. Die EZB könne den Leitzins von derzeit 3,25 Prozent weiter senken. Es gebe Spielraum für eine Senkung um 50 Basispunkte, wenn die Inflationsrate unter 2,0 Prozent falle. Verschlechterten sich die Bedingungen weiter, seien sogar noch deutlichere Schrittedenkbar.

Eine weitere Zinssenkung hält auch das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin für angebracht. "Es besteht noch ein sehr großer Spielraum bis auf mindestens 2,5 Prozent", sagte Gustav-Adolf Horn, Konjunkturexperte des Instituts, dem Tagesspiegel. Zusammen mit dem niedrigen Ölpreis bestünden dann gute Voraussetzungen für eine baldige Erholung hier zu Lande. "Die preiswerte Energie wird die Unternehmensgewinne und die Kaufkraft der Verbraucher stärken, das ist ein positiver Schock", erwartet Horn.

Derzeit hofft die Bundesregierung, dass es im dritten Quartal eine Stagnation und kein Schrumpfen der Wirtschaft gegeben hat. Im Monatsbericht für Oktober schreibt das Finanzministerium, die kurzfristigen Indikatoren zeigten weiterhin gedämpfte wirtschaftliche Aktivitäten. Die für die deutsche Wirtschaft wichtigen Exporte seien im September sogar um 4,6 Prozent zurückgegangen, so stark wie seit fünf Jahren nicht. Insgesamt könnte im dritten Quartal das Niveau des Vorquartals gehalten worden sein.

Auch in den USA hat die Exportwirtschaft in den vergangenen Wochen Einbußen hinnehmen müssen. Ebenso gingen die Importe zurück, so dass das US-Handelsdefizit im September auf das niedrigste Niveau seit zweieinhalb Jahren gesunken ist. Das US-Konjunkturbarometer indes ist im Oktober unerwartet gestiegen. Der Index der wichtigsten Wirtschaftsdaten nahm um 0,3 Prozent zu, teilte das Conference Board, ein privates Forschungsinstitut, in New York mit. Es war der erste Anstieg seit Juli und gilt Ökonomen als Indiz dafür, dass die Konjunktur Anfang 2002 wieder anziehen wird. Im September war der Index noch um 0,5 Prozent gefallen.

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