Wirtschaft : Krankenkassen-Defizit steigt auf drei Milliarden

sac/brö

Das Defizit der gesetzlichen Krankenkassen ist im vergangenen Jahr höher ausgefallen als erwartet. Die Kassen schlossen 2001 mit einem Minus von 2,8 Milliarden Euro ab, teilte Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) am Donnerstag in Berlin mit. Noch im Dezember hatte die Ministerin mit einem Defizit von nur zwei Milliarden Euro gerechnet. Im Vorjahr hatten die Kassen einen Überschuss von 300 Millionen Euro erwirtschaftet. Schmidt erwartet aber, dass der Durchschnitts-Beitrag in diesem Jahr leicht sinken wird.

Schuld an den Verluste der Kassen sind der Ministerin zufolge die gestiegenen Ausgaben für Medikamente - sie wuchsen 2001 um mehr als elf Prozent. Schmidt erklärte, das Wachstum ließe sich nur zum Teil damit erklären, dass mehr innovative Arzneimittel verschrieben worden seien. Es seien aber zahlreiche "Analog-Arzneimittel" verschrieben worden - also teure Medikamente, deren Wirkstoff weiterentwickelt wurde, die aber nur geringen Zusatznutzen hätten. Auch würden die Ärzte immer noch zu teure Medikamente verschreiben, obwohl es günstigere identische Produkte gebe.

Ulla Schmidt hofft, dass die Medikamentenausgaben dank neuer Gesetze sinken. Die Festbeträge seien abgesenkt worden, und die Pharmaindustrie habe zu Beginn des Jahres 204 Millionen Euro Solidarbeitrag gezahlt. Zudem sei der Rabatt, den Apotheken Krankenkassen einräumen, von fünf auf sechs Prozent gestiegen. Gegen Ärzte, die nicht preisgünstig verschreiben, soll die "Aut-idem"-Regelung helfen: Wenn der Arzt es nicht anders vorschreibt, müssen die Apotheker bei vergleichbaren Wirkstoffen ein günstigeres Medikament abgeben.

Als weitere Kostentreiber hat die Gesundheitsministerin die Fahrtkosten und die Verwaltungsausgaben der Krankenkassen ausgemacht. Die Fahrtkosten stiegen 2001 um 4,6 Prozent. Hier könne man sparen, indem Dialyse-Patienten Taxis gemeinsam nutzten. Über die Senkung der Verwaltungsausgaben - sie stiegen um 4,6 Prozent - will die Ministerin nun mit den Kassen sprechen.

Der durchschnittliche Kassen-Beitrag werde unter 14 Prozent sinken, weil die Versicherten zu günstigeren Kassen wechseln würden. Einige Kassen müssten zudem die Beiträge senken, weil sie Überschüsse erwirtschafteten und Reserven hätten.

Als Reaktion auf die gestiegenen Kassenausgaben verlangten die Arbeitgeber eine umfassende Gesundheitsreform. "Das Rekorddefizit dokumentiert das Scheitern der rot-grünen Gesundheitspolitik", sagte Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt am Donnerstag in Berlin. Der höhere Beitragssatz sei "Gift für die Konjunktur und den Arbeitsmarkt" und verursache eine Belastung von zwei Milliarden Euro pro Jahr. Hundt forderte, die Krankenversicherung müsse auf eine Basissicherung mit Kernleistungen konzentriert werden. Dies ermögliche eine Absenkung des Beitrags auf unter zwölf Prozent und sei möglich ohne Beeinträchtigung der Versorgung der Bevölkerung.

Auch der gesundheitspolitische Sprecher der CDU, Wolfgang Lohmann, kritisierte die Ministerin. Es sei nicht erkennbar, dass die Finanzlage der Krankenversicherung in Zukunft besser werde. Der Verband Forschender Arzneimittelhersteller (VFA) rechtfertigte die gestiegenen Arzneimittelausgaben mit der Verschreibung besserer Medikamente bei schweren Krankheiten. Die Entwicklung zeige, dass die Ärzte rational verordneten und eine bessere Versorgung eingeleitet hätten, erklärte VFA-Hauptgeschäftsführerin Cornelia Yzer.

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