Wirtschaft : Krankenkassen: Schlupfloch mit Tücken

Carsten Brönstrup

Ewige Singles, junge Doppelverdiener-Paare oder notorische Kinderhasser - das war bislang die Zielgruppe Nummer einsfür private Krankenversicherungs-Unternehmen. Sie locken mit luxuriösen Leistungen - Medikamenten ohne Zuzahlung, Kuren, regelmäßig neuen Brillen oder Hörgeräten, hohen Zuschüssen beim Zahnersatz - und vor allem: mit einer Vorzugsbehandlung beim Arzt, in der Praxis ebenso wie im Krankenhaus. Viel Werbung ist dafür nicht nötig: Immer neue Hiobsbotschaften von den gesetzlichen Krankenkassen lassen immer mehr Menschen an der Zukunft der Sozialversicherung zweifeln. Ist der Wechsel zur privaten Krankenversicherung der Ausweg? Lohnt es sich, trotz steigender Beiträge und sinkender Leistungen in der gesetzlichen Kasse zu bleiben? Möglicherweise - denn auch die private Absicherung hat ihre Tücken, und längst nicht jedem steht sie offen.

Finanznot der Kassen hilft Privaten

Trotzdem kehren immer mehr Deutsche den Krankenkassen den Rücken. Jeder Anstieg der Beiträge in den vergangenen Jahren sicherte den privaten Assekuranzen einen steten Mitgliederzulauf (siehe Grafik). Zuletzt haben die Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK) in Hessen und Baden-Württemberg und Bayern die Beitragssätze angehoben. In ihrer Finanznot werden weitere folgen müssen, argwöhnte Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) vergangene Woche. Und das dicke Ende kommt erst noch: Angesichts der demografischen Entwicklung werden die Beiträge in den kommenden Jahren rasant steigen, warnen Experten. Sogar eine Verdopplung auf 26 Prozent im Jahre 2050 sei möglich, wenn nichts passiert.

Fast jeder zehnte Deutsche steht bei einer der 70 privaten Krankenversicherungen unter Vertrag. Allerdings stehen sie nicht jedem offen. Nur wer mehr als 6525 Mark brutto im Monat oder 78 300 Mark im Jahr verdient, darf der gesetzlichen Kasse kündigen. Die Beiträge werden, anders als bei den Gesetzlichen, nicht in Prozent vom Bruttogehalt berechnet, sondern entsprechend dem individuellen Risiko anhand von Alter, Geschlecht und Gesundheitszustand. Vor allem für junge, weitgehend gesunde Menschen sind die geringen Prämien attraktiv - 200 bis 300 Mark pro Monat sind schnell gespart, bei Selbstständigen ohne Arbeitgeberzuschuss ist es das Doppelte. Jedoch: Der Abschluss eines privaten Vertrages ist eine Entscheidung fürs Leben. Die Rückkehr zur Sozialversicherung ist nur möglich, wenn das Gehalt dauerhaft unter die Beitragsbemessungsgrenze fällt, etwa beim Verlust des Arbeitsplatzes.

Teuer wird es, wenn Kinder ins Spiel kommen. Bei der Gesetzlichen sind Kinder und ein Partner mit nur geringen Einkommen automatisch ohne Aufpreis mitversichert. Wer privat versichert ist, muss für jedes Familienmitglied einen gesonderten Vertrag abschließen. Das ist nicht billig und kann die Beitragsersparnis aus den jungen Jahren schnell wieder aufzehren. Ansonsten gilt: Für Männer lohnt sich der Systemwechsel allenfalls bis zu einem Alter von etwa 42 Jahren, für Frauen bis zu rund 38 Jahren.

Obendrein bieten die Privaten nicht in jedem Tarif bessere Leistungen als die die Gesetzlichen. Bei der Psychotherapie beispielsweise offerieren die Privaten deutlich schlechtere Leistungen. Geht der Patient nicht zum Arzt, sondern nur zum Diplom-Psychologen, zahlen sie nicht - die Gesetzlichen hingegen schon. Und wer ein Alkohol- oder Drogenproblem bekommt, dem zahlen die Assekuranzen nicht immer eine nötige Entziehung. Außerdem sollte der Versicherte auch einigermaßen liquide sein. Denn er muss die Behandlungskosten erst einmal vorstrecken und bekommt sie erst später von der Versicherung erstattet. Oder auch nicht. Erstattet die Versicherung nur das medizinisch Notwendige - was sie prinzipiell darf - muss der Patient womöglich einen Gutteil der Summe selbst bezahlen, trotz Versicherungsschutz. Nur wer sich vor einer aufwändigen Behandlung vom Arzt einen Kostenvoranschlag geben lässt, geht auf Nummer Sicher.

Kostensteigerung auch bei Privaten

Der Knackpunkt sind aber die Finanzen. Auch privat Versicherte sind vor Kostensteigerungen nicht gefeit. Um 4,4 Prozent sind die Beiträge im vergangenen Jahr durchschnittlich gestiegen. In einigen Tarifen kann es aber zu regelrechten Explosionen um mehrere Dutzend Prozent kommen - das hängt davon ab, wie nachhaltig ein Unternehmen Risikovorsorge betreibt. Einen gesetzlichen Schutz davor gibt es nicht. "Die Beitragsersparnis in jungen Jahren sollte man daher unbedingt ansparen, um im Alter angesichts möglicher Steigerungen nicht zu verarmen", rät Wolfgang Scholl, Versicherungsexperte bei der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Der Wechsel zur billigeren Konkurrenz ist kein Ausweg: Wer fünf Jahre bei einem Anbieter versichert war, für den lohnt ein Wechsel nicht mehr. Denn die Altersrückstellungen, die ein Unternehmen für jeden Kunden bildet, kann der zum neuen Anbieter nicht mitnehmen. Deshalb bleibt für langjährige Versicherte nur der Ausweg, innerhalb der Gesellschaft den Tarif zu wechseln.

Zwar hat die Bundesregierung die privaten Versicherungen zu einer schrittweisen Beitragserhöhung in den kommenden Jahren von ingesamt zehn Prozent verpflichtet. Mit diesem Geld sollen sie zusätzliche Rückstellungen für das Alter bilden und drohende Beitragsexplosionen vermeiden. "Das löst aber nicht das Grundproblem im Gesundheitswesen", findet Finanzexperte Wolfgang Scholl. "Wegen der Alterung der Gesellschaft und dem medizinischen Fortschritt werden auch in der Privatversicherung die Beiträge steigen, wenn auch um einige Jahre verzögert."

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben