Wirtschaft : Krieg gegen die Weltwirtschaft

Ein bewaffneter Konflikt in Mittelost schwächt weltweit die Konjunktur – aber nur ein langer Krieg hätte drastische Folgen

Sandra Louven

Washington. Ein Krieg gegen den Irak könnte verheerende Folgen sowohl für die amerikanische als auch für die Weltwirtschaft haben. Zu diesem Schluss kommen verschiedene ökonomische Studien. Abgesehen von den Kriegskosten selbst, birgt eine Invasion im Irak vor allem Gefahren für die Ölpreise, das Konsumentenvertrauen und das Wachstum. Das Congressional Budget Office (CBO), ein unabhängiges Forschungsinstitut, das dem Washingtoner Kongress angegliedert ist, schätzt die militärischen Kosten eines nur einen Monat währenden Krieges auf 20 bis 29 Milliarden Dollar.

Für jeden weiteren Monat einer Besetzung werden zwischen einer und vier Milliarden Dollar veranschlagt. Angesichts des amerikanischen Bruttoinlandsprodukts von rund zehn Billionen Dollar sind dies keine beängstigenden Summen. Larry Lindsey, bis vor kurzem wichtigster Wirtschaftsberater von US-Präsident George W. Bush, hält sogar Gesamtkosten in Höhe von 100 bis 200 Milliarden Dollar für ein Schnäppchen, wenn man damit Saddam Hussein entfernen könne. Der stelle schließlich „ein großes Hemmnis für das weltweite Wachstum“ dar.

Doch die Kosten sind nur das kleinere Problem. Alleine die Unsicherheiten, die mit einem Krieg verbunden sind, behindern bereits das Wachstum. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) geht davon aus, dass die Weltwirtschaft sich wahrscheinlich erst dann auf breiter Ebene erholen wird, wenn diese Unsicherheiten beseitigt sind. Die ökonomischen Auswirkungen hängen stark von dem Verlauf des Krieges ab. Hochrangige US-Ökonomen haben in einer Studie die Konsequenzen für drei verschiedene Verläufe untersucht. In der Studie gehen die Ökonomen von drei verschiedenen Szenarien aus.

Die höchste Wahrscheinlichkeit besitzt für sie das optimistische Szenario, in dem der Irak innerhalb von vier bis sechs Wochen vollständig besiegt wird. In dem mittleren Szenario dauern die Kämpfe sechs bis zwölf Wochen, und es kommt zu großen Schäden an der irakischen Infrastruktur. Im schlimmsten Fall „geht genug schief, um größere globale Folgen nach sich zu ziehen“, so die Autoren. Doch das sei eher unwahrscheinlich. Der Irak würde dabei Ölquellen in der Region und den Staat Israel mit Massenvernichtungswaffen attackieren, was die Ölpreise auf 80 Dollar pro Barrel steigen ließe.

Der US-Wirtschaft würden langfristig alle drei Szenarien schaden. „Das entscheidende Element ist nicht, dass die Kriegskosten einen fiskalischen Impuls liefern," erklärt Joel Prakken von den Macroeconomic Advisors. Den Ausschlag würden vielmehr Faktoren wie sinkendes Industrie- und Verbrauchervertrauen oder erhöhte Risikoprämien (siehe Lexikon) geben. Die Waffen, die bei einem Krieg gegen den Irak eingesetzt würden, besäßen die USA größtenteils bereits heute, so dass die Verteidigungsausgaben keinen allzu großen Schub erhalten würden.

Allein das optimistische Szenario könnte das US-Wachstum gegenüber einer Situation ohne Krieg kurzfristig und auch nur in geringem Umfang anheben. Das mittlere Szenario würde die Vereinigten Staaten nahe an eine Stagnation heranführen, während der schlimmste Fall eine erneute Rezession in der ersten Jahreshälfte 2003 mit einem Schrumpfen zwischen drei und vier Prozent nach sich ziehen würde. Die Auswirkungen aller Szenarien sind jedoch zeitlich begrenzt: Ende 2004 befände sich das amerikanische Wachstum in allen drei Fällen wieder zwischen 2,5 und vier Prozent.

Doch die Folgen eines Irak-Kriegs sind nicht nur auf die USA beschränkt. Das optimistische Szenario würde das Wachstum sowohl in allen Wirtschaftsräumen nur marginal verändern. In dem mittleren Szenario würde das Wachstum in Ostasien und der Eurozone halbiert, prognostiziert Stefan Schneider von der Deutschen Bank. „In Japan würde das Wachstum um ein Prozent fallen anstatt um ein Prozent zu steigen," so Schneider. Das schlimmste Szenario würde eine globale Rezession hervorrufen.

Im Bereich des Verbrauchervertrauens werden die USA laut Schneider wohl stärker von den Kriegsfolgen betroffen sein als die EU, sich aber auch schneller davon erholen. Dies legen Untersuchungen aus der Zeit des Golfkriegs und nach dem 11. September nahe, in der das Verbrauchervertrauen in den USA deutlich stärker gesunken ist als in der EU. Im Gegensatz zu der EU haben die USA sowohl mit geld- als auch mit finanzpolitischen Mitteln auf die Einbrüche reagiert, so dass das Verbrauchervertrauen bald wieder angestiegen ist.

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