Wirtschaft : Krise am Neuen Markt: Siegeszug der Spätentwickler

Maren Peters

Eigentlich soll sie eine Börse der Wachstumswerte sein - doch davon ist am Neuen Markt schon lange keine Rede mehr. Ehemals glänzend aufgestellte Internet- und Medienwerte wie Gigabell, Ricardo oder EM.TV - puff. Sie sind pleite, fusioniert, haben durch Mauscheleien oder Gewinnwarnungen die Anleger verprellt. Binnen eines Jahres sind die Kurse im Technologie-Index Nemax um mehr als 40 Prozent abgestürzt. Nur eine einzige Branche in diesem Kurs-Jammertal schlägt sich nach wie vor wacker: die Biotechnologie. Und das wird auch noch eine Weile so bleiben.

Von den umjubelten Gipfelstürmen des März sind zwar auch die Biotech-Aktien inzwischen weit entfernt, doch noch immer liegt der Biotech-Index deutlich über dem Durchschnitt des Neuen Marktes: Biotech-Werte legten im vergangenen Jahr 70 Prozent zu und bescherten Anlegern schöne Gewinne. Dass ihnen ein ähnlicher Absturz bevorsteht wie den Internetwerten, ist kaum zu befürchten.

Anfang der neunziger Jahre war das anders. Damals, als die noch junge Biotech-Branche zum ersten Mal aufblühte, verloren Anleger schnell die Geduld. Produkte ließen in der langatmigen Branche allzu lange auf sich warten, die Notierungen fielen schnell wieder in den Keller. Zehn Jahre später wird das nicht mehr passieren. Wissenschaftliche Erfolge bei der Entschlüsselung des menschlichen Genoms, die Diskussionen um das Klonen menschlicher Stammzellen und der BSE-Skandal halten die Fantasie der Anleger wach. Dass nur Spezialisten verstehen, was hinter den Labortüren eigentlich passiert, schreckt die wenigsten. Denn eines zumindest haben die Anleger begriffen: Alles, was hier ausprobiert, angerührt, getestet wird, könnte dazu beitragen, auch ihre Gesundheit ein bisschen länger zu erhalten. Und welche Softwareklitsche könnte das schon von sich behaupten?

Das ist die schöne Seite der Geldanlage. Dass auch die rote Biotechnologie, die Medikamente entwickelt, ihre Risiken hat, bestreitet zwar ernsthaft niemand, wird aber angesichts hoher gesundheitlicher wie finanzieller Renditeaussichten gerne ausgeblendet - spätestens seit die ersten Biotech-Medikamente auf dem Markt sind. Nicht überraschend, dass Fondsmanager und Analysten langfristig den Unternehmen die besten Chancen einräumen, die nicht nur Dienstleister für die Pharmaindustrie sind, sondern selbst Arzneien entwickeln - und vermarkten. Nur in diesem Teil der Wertschöpfungskette wird das große Geld verdient. Da wir nach der Entschlüsselung des menschlichen Genoms erst am Anfang der viel zitierten "Genom-Revolution" stehen, sind die Chancen enorm: Von den heute bekannten 30 000 Krankheiten können gerade einmal 10 000 behandelt werden. Vor den Biotech-Firmen liegen große Aufgaben.

Doch mindestens genauso riesig wie die Chance ist das Risiko, kläglich zu scheitern. Zehn bis 15 Jahre kann es dauern, bis zu 500 Millionen Dollar kostet es, bis ein Medikament aus dem Labor in die Apotheke gelangt. Und nur ein Bruchteil schafft den beschwerlichen Weg dorthin überhaupt. Biotech-Firmen, die nur auf ein Produkt gesetzt haben, sind dann erledigt. Und das werden viele sein. Wer aber durchkommt, wird reichlich belohnt: mit exklusiven Vermarktungsrechten und satten Gewinnen. Und davon profitiert wiederum der Anleger.

Sicher, die Biotech-Unternehmen sind trotz deutlicher Ernüchterung immer noch sehr hoch bewertet. Zu viel Geld haben Investoren in den letzten Monaten aus der Internetbranche herausgezogen und auf der Suche nach Alternativen in die Biotechnologie gesteckt. Natürlich, es wird in den nächsten Monaten auch bei den Biotech-Werten eine große Auslese geben, die den Markt belasten wird. Aber Unternehmen, die den Überlebenskampf überstehen, werden gestärkt daraus hervorgehen. Ihnen die Schranken ihrer Forschung aufzuzeigen, bleibt Aufgabe der Politik.

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