Krise : Arcandor: Guttenberg will Antrag prüfen

Der ums Überleben kämpfende Konzern Arcandor kann auf Staatsbürgschaften hoffen. Wirtschaftsminister Guttenberg versprach nach einer Mitarbeiter-Demonstration, den Antrag zu prüfen.

Vera Pache
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Aus der gesamten Republik waren Arcandor-Mitarbeiter

BerlinBerlin - Rot-weiße Verdi-Banner flattern im Wind, goldene Karstadt-Tüten hängen in den Bäumen, aus den Lautsprecherboxen dröhnt Partymusik. Unter ohrenbetäubendem Lärm demonstrierten mehrere tausend Mitarbeiter des angeschlagenen Handels- und Touristikkonzerns Arcandor am Mittwoch vor dem Bundeswirtschaftsministerium in Berlin. Nach Polizeiangaben waren es 6000 Teilnehmer. „Wir sind ein Stück Deutschland“ steht auf vielen Plastikschildern, die in die Luft gereckt werden. Aus allen Teilen Deutschlands sind die Mitarbeiter angereist, die meisten von ihnen arbeiten für die Warenhauskette Karstadt. Sie werden mit Trillerpfeifen, lauten Rufen und Klatschen begrüßt.

Eine von ihnen ist Ute Klösel-Gaja aus Dortmund. „Ich gehe gerne zur Arbeit“, sagt sie. Das Arbeitsklima sei angenehm, und auch über die Gehälter könne man sich im Vergleich zu anderen nicht beschweren. Klösel-Gaja und ihre Kollegen haben sich sogar bereit erklärt, Abstriche beim Urlaubs- und Weihnachtsgeld in Kauf zu nehmen, um ihrem Arbeitgeber zu helfen. „Wir haben das gemacht, weil wir unsere Arbeitsplätze erhalten wollten“, sagt sie, „und wir sind auch bereit, weitere Einschnitte hinzunehmen.“

Arcandor-Demo
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1 von 12Foto: Uwe Steinert
29.07.2009 08:30Am Dienstag protestierten 7000 Arcandor-Beschäftigte vor dem Bundeswirtschaftsministerium in Berlin. -



Mitten unter die Demonstranten mischt sich auch der Chef. Stefan Herzberg, Vorsitzender der Geschäftsführung von Karstadt, marschiert Seite an Seite mit seinen Leuten. Das verwundert manchen. „Ich habe es noch nie erlebt, dass die Geschäftsführung mitkommt zu so einer Veranstaltung“, sagt Monika Roloff, Betriebsratsvorsitzende der Karstadt-Filiale in Berlin-Wedding.

Vor lauter Schildern, Fahnen und Transparenten ist die Bühne vor dem Ministerium in der Scharnhorststraße kaum noch zu sehen. Roloff wundert sich nicht über die große Beteiligung an der Demonstration. Sie habe das erwartet, weil die Angst wirklich groß sei, sagt sie. „So kritisch war es noch nie. Jetzt müssen wir zusammenhalten.“

Der Konzern, zu dem neben Karstadt auch Quelle und die Reisetochter Thomas Cook gehören, braucht spätestens bis zum 12. Juni eine Bürgschaft von 650 Millionen Euro, um einen sonst auslaufenden Kredit verlängern zu können. Einen entsprechenden Antrag auf Staatshilfe hat Arcandor gestellt. An diesem Donnerstag berät erstmals der Bürgschaftsausschuss über den Antrag. Mit einer Entscheidung wird frühestens in der kommenden Woche gerechnet.

Was wird, ist ungewiss. Zu Wochenbeginn hatten sich noch zahlreiche Politiker skeptisch geäußert. Am Mittwoch dann schloss Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) Hilfe zumindest nicht aus. Er sei dafür, das Für und Wider einer staatlichen Bürgschaft „sehr solide“ abzuwägen, sagte er. Steinbrück verwies darauf, dass bei Arcandor von einer staatlichen Hilfe mehr Arbeitsplätze abhingen als bei Opel. Monika Roloff, die Betriebsrätin, hat das gerne gehört: „Nach Steinbrücks Worten haben wir wieder Hoffnung“, erzählt sie.

Die Stimmung vor dem Ministerium drückt denn am Mittwoch auch mehr Hoffnung aus als Verzweiflung. Traurigkeit sieht jedenfalls anders aus, die Demonstranten singen „Viva Colonia“, tanzen und schunkeln – als herrschte Karneval und nicht Angst um 56 000 Arbeitsplätze.

Am Nachmittag schließlich kommt der Wirtschaftsminister spontan aus seinem Amtssitz. Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) steht auf einmal auf der Bühne – und wird mit Trillerpfeifen begrüßt. Es gehöre sich nicht für einen Wirtschaftsminister, nicht mit Demonstranten zu sprechen, sagt er. Während seiner kurzen Rede herrscht andächtige Stille. Zu Guttenberg verweist darauf, dass der Antrag erst geprüft werden muss, bevor eine Unterstützung zugesagt werden kann. „Er hat mit vielen Worten nichts gesagt“, sagt Karstadt-Mitarbeiter Engelhard Thiemann aus Hamburg, „aber es ist gut, dass er überhaupt da war.“

Am Mittwoch wurde auch bekannt, dass Arcandor die Veröffentlichung seiner Halbjahresbilanz auf den 18. Juni verschoben hat – wegen der Verhandlungen um Staatshilfe. Vera Pache 

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