Krise bei Arcandor : Weiter shoppen in der Stadt

Eine City ohne Karstadt – viele Bürgermeister wollen das verhindern. Sie setzen sich ein für ihre Häuser.

Heike Jahberg
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Berlin - Iserlohn ist ein hübsches altes Städtchen am Rande des Ruhrgebiets. 100 000 Menschen leben dort. Es gibt eine Einkaufsstraße, mehrere Plätze und eine Karstadt-Filiale. Nicht wenige Iserlohner finden den 70er-Jahre-Zweckbau hässlich. Dennoch kämpfen die Bürger für das letzte Kaufhaus, das ihnen noch geblieben ist. „Wenn Karstadt zumachen würde, wäre das ein schwerer Schlag für die Einkaufsstadt Iserlohn“, sagt Baudezernent Peter Paul Ahrens. Woolworth im Stadtteil Letmathe hat bereits Insolvenz angemeldet.

Nicht nur in Iserlohn bangen Lokalpolitiker, die 150 Karstadt-Angestellten und ihre Kunden um ihr Warenhaus. In ganz Deutschland haben sich in den vergangenen zwei Wochen 1,1 Millionen Kunden in Unterschriftenlisten eingetragen, um für die Rettung des angeschlagenen Touristik- und Handelskonzerns Arcandor und für seine Warenhaustochter Karstadt zu kämpfen. An diesem Sonntag sind in allen 89 Filialen Mahnwachen der Beschäftigten geplant. Bürgermeister stellen sich seit Wochen an die Seite der Betriebsräte und appellieren an die Bundesregierung, Arcandor vor der Insolvenz zu retten.

Sie haben Angst um ihre Innenstädte. Nachdem Woolworth Insolvenz angemeldet hat und Hertie pleite ist, bleiben nur noch Karstadt und Kaufhof übrig. Spätestens jetzt entdecken viele Stadtplaner, die jahrelang Einkaufscenter auf der grünen Wiese genehmigt haben, ihre City wieder. Die Belebung der Innenstädte habe Vorrang vor Shopping-Centern auf der grünen Wiese, meint Gerd Landsberg, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städte- und Gemeindebundes. Und auch der Deutsche Städtetag hofft, dass so viele Karstadt-Filialen wie möglich gerettet werden können.

„Kaufhäuser sind ein wichtiger Faktor für lebendige Innenstädte und bedeutende Arbeitgeber“, sagte die Präsidentin des Städtetages, Petra Roth, dem Tagesspiegel am Sonntag. Zur Zeit werde „mit großer Ernsthaftigkeit“ in Wirtschaft und Politik geprüft, wie die Probleme bei Arcandor bewältigt werden können, betonte die Oberbürgermeisterin von Frankfurt am Main. „Der Deutsche Städtetag kann in diesem Prozess keine Empfehlung für den geeigneten Lösungsweg geben“, räumte Roth ein. „Klar ist jedoch: Unsere rund 60 betroffenen Mitgliedsstädte mit etwa 75 Karstadt-Häusern haben ein hohes Interesse an einer Entwicklung bei Karstadt, die wirtschaftlich tragfähig ist, Arbeitsplätze sichert und der großen Bedeutung der Warenhäuser für die Städte gerecht wird.“

Das ist in Iserlohn so, und es ist in Berlin nicht anders. Wirtschaftssenator Harald Wolf (Die Linke) will um Karstadt kämpfen (siehe Interview). Und auch die Berliner Touristenwerber haben ein Interesse daran, dass Berlin viele attraktive Läden hat. „Berlin ist eine Shopping-Stadt“, sagt Christian Tänzler, Sprecher der Berlin Tourismus Marketing GmbH. Touristen aus aller Welt kennen das zur Karstadt-Gruppe gehörende KaDeWe. Aber auch Einkaufsstraßen wie die Schloßstraße oder die Wilmersdorfer Straße – mit ihren Karstadt-Filialen – hätten ihr Publikum. Das liege an den niedrigen Preisen. „Fernseher gibt es in Berlin billiger als in Warschau“, sagt Tänzler.

Doch wer soll für Arcandor zahlen? Arcandor-Chef Karl-Gerhard Eick hat eine Staatsbürgschaft über 650 Millionen Euro aus dem Deutschlandfonds beantragt, über die am Montag entschieden werden soll. Weil der Konzern aber offensichtlich selber nicht mehr mit einer Zusage rechnet, hat Arcandor am Freitag parallel dazu die Regierung um einen Notkredit von 437 Millionen Euro gebeten.

Vor dem Staat seien erst einmal andere dran, meint der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit – die Eigentümer Sal. Oppenheim und die Familie Schickedanz. Das sieht auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) so. „Bei Arcandor muss man zunächst einmal die Eigentümer und die Gläubiger stärker fordern“, sagte sie der „Bild am Sonntag“.

Die CSU ist gespalten. Während Parteichef Horst Seehofer für Staatshilfen streitet, ist Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg skeptisch. Mit einer Bürgschaft sei nicht zu rechnen, meint er. Und auch für die Rettungsbeihilfe, den Notkredit, gebe es strenge Auflagen.

Selbst Tourismusexperte Ernst Hinsken will Arcandor nicht um jeden Preis retten. Der Tourismus brauche Karstadt nicht unbedingt, findet der CSU-Politiker, der zugleich Tourismusbeauftragte der Bundesregierung ist. „Nicht die Namen sind entscheidend, sondern die Vielfalt.“ Arcandor müsse mit der Konkurrenz ins Geschäft kommen. Mit dieser Lösung könnte man sich auch in Berlin anfreunden – und in Iserlohn. „Wenn Karstadt anders heißt, wäre das nicht so wichtig“, meint Dezernent Peter Paul Ahrens. Hauptsache, das Kaufhaus bleibt.

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