Wirtschaft : Krise im Nahen Osten drückt weltweit die Aktienkurse

Dax und Dow Jones fallen unter psychologisch wichtige Marken/Techniker fürchten weitere Verluste/Belgakom gelingt Börsendebut

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Berlin /Brüssel (mot/os/kb). Mit wachsender Verunsicherung sind die Aktienmärkte am Montag in die neue Börsenwoche gestartet. Nach den Attentaten in Madrid belastete die Tötung des HamasFührers Scheich Ahmed Jassin durch die israelische Armee die angeschlagene Stimmung zusätzlich. Der Dax brach zeitweise um fast drei Prozent ein und fiel unter die Marke von 3800 Punkten. Zum Handelsschluss lag der Index bei 3729,23 Zählern (minus 2,35 Prozent). Auch der US-Aktienmarkt geriet unter Druck. Der Dow Jones fiel deutlich unter die psychologisch wichtige Marke von 10100 Punkten. Technisch betrachtet bewegen sich Dax und Dow damit gefährlich nahe am Rande eines langfristigen Abwärtstrends. Auch andere große europäische Aktienindizes verloren.

Vor dem Hintergrund der schwachen Börsenverfassung wurde Europas erster großer Börsengang (IPO) in diesem Jahr von den Anlegern überraschend freundlich aufgenommen. Der Aktienkurs des staatlichen belgischen Telekom-Konzerns Belgakom stieg am Montag um rund vier Prozent an. Dies war allerdings auch auf den relativ niedrigen Einstiegspreis zurückzuführen, den der belgische Staat – er behält die Mehrheit – und das Teilhaberkonsortium ADSB am Wochenende auf 24,50 Euro pro Aktie festgelegt hatten. Marktbeobachter hatten mit 25,50 Euro gerechnet, nachdem die Zeichnungsspanne bei 23 bis 26,50 Euro gelegen hatte.

Der Börsenwert (siehe Lexikon, Seite 16) des Unternehmens (rund 9,9 Milliarden Euro) fällt damit um einige hundert Millionen Euro niedriger aus als erwartet. Der irische Telekom-Operator Eircom war am Freitag an die Börsen von London und Dublin gegangen und unter seinen Einstiegspreis gefallen. Mit Spannung sehen Anleger jetzt dem ersten IPO in Deutschland entgegen: An diesem Freitag wagt sich der Halbleiterzulieferer Siltronic aufs Börsenparkett. „Das stellt sich doch etwas schwieriger dar, als sie sich das vorgestellt haben“, urteilte Marc Raffelsiepen vom Handelshaus Schwarz&Lang über den vorbörslichen Handels mit Siltronic-Aktien.

Trotz der anhaltenden Terrorangst und neuer Sorgen vor einer Destabilisierung des Nahen Ostens warnten Börsenbeobachter am Montag vor zu großem Pessimismus an den Börsen. Sie verwiesen zum Beispiel auf das große Interesse der Anleger an Belgakom-Aktien. Die Nachfrage war in den vergangenen Wochen mehr als drei Mal so groß wie das Angebot gewesen. „Das Positive geht an der Börse im Moment unter“, sagte Erich Hein, Aktienfondsmanager bei SEB Invest, dem Tagesspiegel. „Alle sind pessimistisch, aber auf diesem Kursniveau sollte man langsam wieder an der Börse einsteigen.“ Der Dax werde im schlimmsten Fall bei 3600 Punkten „festen Boden“ finden und bis zum Jahresende auf rund 4400 Zähler steigen. Verglichen mit anderen Aktienmärkten sei der deutsche nach der Kurskorrektur übertrieben stark gefallen. „Fair bewertet ist der Dax bei 4600 Punkten“, meint Hein.

Technische Analysten bleiben hingegen skeptisch. Der neuerliche Absturz an den Börsen habe bestätigt, dass sich der neue, seit zwei Wochen existierende Abwärtstrend zunächst fortsetzen werde (siehe Grafik). Auch eine kurzfristig zu erwartende Aufwärtsreaktion ändere daran nichts. Nur ein rascher Anstieg im Dax über 3900 Punkte würde den Abwärtstrend neutralisieren. Interessant ist die Marke bei 3650 Punkten. Wird sie zwei Mal per Schlusskurs deutlich unterschritten, könnte der übergeordnete Abwärtstrend wieder aufgenommen werden. Ein Ende dieser Entwicklung wäre nicht abzusehen.

Nach Angaben der Charttechniker hat sich in den vergangenen Wochen sowohl beim Dax als auch beim Dow Jones eine Börsenkonstellation ergeben (Triple Top), der in der Regel ein Abwärtstrend folgt. Sie wenden sich gegen die These, Terroristen hätten die Macht, die Weltbörsen zum Absturz zu bringen. Der Abwärtstrend sei zum Zeitpunkt der Anschläge in Madrid längst etabliert gewesen. „Die Anschläge könnten die Abwärtsbewegung beschleunigt haben, verursacht haben sie sie nicht“, sagte Martin Siegert von der Landesbank Baden-Württemberg.

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