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Kriselnde Fluggesellschaft : Air Berlin macht Rekordverlust von 781,9 Millionen Euro

Air Berlin ist noch tiefer in die roten Zahlen gerutscht. Lufthansa-Chef Spohr begleitet Kanzlerin Merkel nach Abu Dhabi. Wird er dort mit Etihad über einen Kauf von Air Berlin verhandeln?

Kauft Lufthansa Air Berlin?
Kauft Lufthansa Air Berlin?Foto: dpa

Die Fluggesellschaft Air Berlin ist im vergangenen Jahr noch tiefer in die roten Zahlen gerutscht. Das angeschlagene Unternehmen machte 781,9 Millionen Euro Verlust, wie die Airline am Freitag mitteilte. Im Vorjahr waren es 446,6 Millionen Euro gewesen. Zu dem höheren Minus trugen einmalige Wertminderungen und Restrukturierungskosten bei, wie es hieß. Der Umsatz sank von 4,08 Milliarden Euro auf 3,79 Milliarden Euro.

Air Berlin schreibt mit einer Ausnahme seit 2008 rote Zahlen. Die Airline befindet sich in einem tiefgreifenden Umbau. Auch 2017 begann mit roten Zahlen. Von Januar bis März stand unterm Strich ein Minus von 293,3 (Vorjahr: -182,3) Millionen Euro . Das Unternehmen betonte, man sei in der Lage, die Restrukturierung fortzusetzen.

Verhandelt Lufthansa über einen Kauf?

Lufthansa-Chef Carsten Spohr reist einem Bericht des "Focus" zufolge Anfang kommender Woche nach Abu Dhabi und wird dort mit dem Großaktionär von Air Berlin, Etihad, Gespräche führen. Etihad wolle seinen Anteil von 29,2 Prozent an der kriselnden Air Berlin "so schnell wie möglich" abstoßen, berichtete "Focus" am Freitag vorab. Lufthansa habe Interesse am Kauf signalisiert.

Spohr reist mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) nach Abu Dhabi. Bei seinen Gesprächen mit Etihad könnte laut "Focus" ausgelotet werden, wie eine mögliche Übernahme der Airberlin-Anteile finanziert werden solle.

Die Lufthansa kooperiert bereits mit dem ehemals größten Konkurrenten: Air Berlin vermietet knapp 40 Flugzeuge an Lufthansa. Der neue Air Berlin-Chef Thomas Winkelmann ist ein ehemaliger Lufthansa-Manager.

Air Berlin schreibt seit 2008 rote Zahlen, unterbrochen nur von einem kleinen Plus im Jahr 2012. Seit 2013 vergrößern sich die Verluste immer weiter.

Bislang hat die arabische Airline Etihad mit millionenschweren Finanzspritzen verhindert, dass ihre Minderheitenbeteiligung Air Berlin zahlungsunfähig wird. Es stellt sich aber die Frage, wie das Unternehmen weiter bestehen kann. Im Gespräch sind ein Verkauf an einen ausländischen Investor oder eine weitere Annäherung an die Lufthansa. Ein Teil der defizitären Flotte wurde bereits an den Lufthansa-Konzern verleast, ein weiterer soll in einem gemeinsamen Ferienflieger der Etihad mit Tuifly aufgehen.

Am Tiefpunkt?

Selbst das rote Schokoherz kann Air-Berlin-Passagiere derzeit nicht mehr besänftigen. Sie stehen wartend am leeren Gepäckband am Drehkreuz Berlin-Tegel und tippen ihren Frust in die Handys. „Unfähig“, „marode“, „chaotisch“, so was verbreiteten Kunden in den vergangenen Wochen in den sozialen Netzwerken. Flugbegleiter sehen die seit Jahren angeschlagene Airline am „absoluten Tiefpunkt“. Wütende Passagiere, wütendes Personal: In dieser Lage muss der neue Vorstandschef Thomas Winkelmann am Freitag nach nur zwei Monaten im Amt wohl auch noch eine tiefrote Bilanz für 2016 verkünden.

Wie schlecht geht es Air Berlin?

Verluste gibt es bereits seit Jahren. Allein von Januar bis September 2016 verbuchte die Fluggesellschaft unterm Strich ein Minus von 317 Millionen Euro. Und die Schulden summierten sich auf mehr als eine Milliarde Euro. Im Jahr 2015 legte Air Berlin bei jedem Fluggast rechnerisch sogar Geld drauf, statt an ihm zu verdienen.

Was tut man dagegen?

Air Berlin baut radikal um und schrumpft. Bis zu 1200 Arbeitsplätze gehen verloren. Bis zu 38 Flugzeuge samt Besatzung sind an die Lufthansa vermietet, andere gehen in ein Ferienflieger-Bündnis mit Tuifly. Übrig bleiben von 137 noch im Herbst nun 75 Maschinen für Langstrecken - und auch die sind nur geleast. Das Schokoherz dagegen steht nicht auf der Streichliste.

Air Berlin konzentriert sich stärker auf Langstrecken und seine Drehkreuze Berlin und Düsseldorf. Doppelstrukturen fallen weg, Mitarbeiter müssen umziehen - oder kehren Air Berlin den Rücken. Ausgerechnet zu Ostern begannen in Tegel große Probleme bei der Abfertigung, nachdem ein neuer Dienstleister angeheuert wurde. Das Kabinenpersonal spricht schon von „Transformationschaos“. „Frustration und Ängste bestimmen das Tagesgeschäft“, heißt es in einem Schreiben an den neuen Vorstandschef Thomas Winkelmann.

Kann eine so kleine Airline überleben?

Experten bezweifeln das. Der frühere Lufthansa-Vorstand Adrian von Dörnberg sprach Air Berlin schon vor Monaten die Existenzberechtigung ab. Auch der aggressive Ryanair-Chef Michael O'Leary meint, man solle die kriselnde Fluggesellschaft am besten ganz einstampfen. Eine Aussage mit Kalkül, denn Ryanair möchte in Deutschland wachsen.

Was kann Air Berlin noch helfen?

Bisher sprang immer der große Freund, die arabische Airline Etihad, ein. Seit Jahren bekommt Air Berlin Geld aus Abu Dhabi. Etihad hält 29 Prozent an der deutschen Nummer zwei - mehr geht bei der außereuropäischen Beteiligung nicht, wenn Air Berlin keine Flugrechte verlieren soll.

Notwendig sei deshalb ein zweiter starker Partner, meinen Berater. In Frage kämen nach ihrer Einschätzung britische Gesellschaften auf der Suche nach Standbeinen im Nach-Brexit-Europa sowie asiatische, die auf einen Einstieg in den komplizierten Markt hoffen. Im Gespräch ist immer wieder auch der Lufthansa-Konzern, von dem der frühere Germanwings-Chef Winkelmann zu Air Berlin kam. Etihad und der deutsche Marktführer hatten ihre Kooperation zuletzt ausgebaut. Der Schuldenberg macht Lufthansa-Chef Carsten Spohr allerdings skeptisch.

Kann Air Berlin zumindest auf weitere Unterstützung von Etihad bauen?

Bisher konnten die Berliner fest auf den großen Partner setzen. Etihad setzt Air Berlin als Zubringer für ihr Langstrecken-Drehkreuz in Abu Dhabi ein. Doch am Golf deutet sich ein Strategiewechsel an. Etihad-Chef James Hogan muss in der zweiten Jahreshälfte gehen. Seine aggressive Expansionsstrategie steht auf dem Prüfstand. Ob man angesichts schwindender Einnahmen im Öl-Geschäft bei Air Berlin weiter Millionen verpulvern will, ist ungewiss.

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