Wirtschaft : Kritische Thesen auf der Konferenz zum 50-Jährigen des DGB

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Die deutschen Gewerkschaften stecken in einer selbst verschuldeten Krise. Sie verweigern sich weitgehend neuen sozialen Bewegungen, der Globalisierung der Wirtschaft und einer nötigen Runderneuerung am heimischen Arbeitsmarkt. Stattdessen schwelgen ihre Spitzenvertreter in Nostalgie und drohen den Anschluss an internationale Gewerkschaftsbewegungen zu verlieren.

Das sind die kritischen Thesen einer Reihe von Wissenschaftlern bei einer Münchner Fachkonferenz zum 50-jährigen Bestehen des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB). Die aktuelle Schwäche der deutschen Gewerkschaften werde vor allem auf dem Rücken des DGB ausgetragen, der schleichend aus dem Bewusstsein der Öffentlichkeit verschwinde, befand der Bochumer Sozialwissenschaftler Klaus Tenfolde. Seit dem Ende des Kalten Kriegs befinde sich die Gewerkschaft in der Defensive und trete oft auf der Stelle. Als Indiz für ihren Bedeutungsverlust werteten Wissenschaftler einen anhaltenden Mitgliederschwund.

Im Durchschnitt verliere der DGB beziehungsweise seine Mitgliedgewerkschaften derzeit zwischen 30 000 und 40 000 Mitglieder im Monat und könne bald wieder auf dem Niveau der alten Bundesrepublik im Jahr 1989 ankommen. Damals hatten die DGB-Gewerkschaften 7,9 Millionen Mitglieder. 1991 war ihre Zahl durch die Aufnahme ostdeutscher Gewerkschafter auf 11,8 Millionen angewachsen und dann aber wieder auf 8,3 Millionen Mitglieder gefallen. Den Grund sehen Wissenschaftler darin, dass die Arbeitnehmervertreter alten Konzepten nachhängen und in vielen High-Tech-Branchen kaum vertreten sind. Auch weibliche und jüngere Arbeitnehmer würden sie wenig repräsentieren. Programmatisch sei die 50 Jahre alte Organisation zu einem Zeitpunkt bei der sozialen Marktwirtschaft angekommen, zu dem sich heutige Neoliberale von ihr abwenden, meinte der Bochumer Soziologe Walther Müller-Jentsch.

"Wann endlich ergreifen die Gewerkschaften die Offensive zu einer flexiblen Arbeitszeitgestaltung, statt dieses Feld den Arbeitgebern zu überlassen," drängte die Bremer Historikerin Inge Marßolek. Stattdessen trübe Nostalgie die Wahrnehmung von Veränderungen sowie innovatives und alternatives Potenzial. Die gewerkschaftliche Bewegung müsse sich neu begründen und Blockaden beseitigen. Derzeit sei sie hin- und hergerissen zwischen Mutlosigkeit und der Hoffnung auf die erlösende Wirkung eines Nachfrageschubs, kritisierte der Kölner Wirtschaftsprofessor Wolfgang Streeck. Für das Bündnis für Arbeit seien Gewerkschaften überraschend schlecht gerüstet. Ihr Mittel der Wahl gegen die Arbeitslosigkeit sei Frühverrentung. International habe sich diese Strategie "Arbeit stillzulegen oder zwischenzulagern" aber als gescheitert erwiesen. Vielversprechender sei eine beschäftigungsfreundliche Generalrevision aller Institutionen des Arbeitsmarkts mit dem Ziel einer Senkung der Arbeitskosten, Flexibilisierung der Arbeitsmärkte und verbesserten Anreizen zur Arbeitsaufnahme. Zwar gebe es zaghafte Ansätze, räumte Streeck ein. Um das deutsche Beschäftigungsniveau von derzeit 72 Prozent an das skandinavische von etwa 80 Prozent anzunähern, müsse man aber noch ein ganzes Stück weitergehen.

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