Wirtschaft : Krumme Geschäfte mit dem Zins

Der Skandal um den Referenzzins Isdafix könnte eine größere Dimension bekommen als die Libor-Affäre und auch Verbraucher treffen.

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Frankfurt am Main - Börsianer winken ab, wenn sie nach den angeblich neuen Manipulationen von Banken gefragt werden. Zumal der „Isdafix“ an der Börse keine Rolle spielt. Dieser Referenzzins ist nur für sehr wichtige Geschäfte zur Absicherung von Zinsrisiken relevant, die abseits geregelter Börsen und Finanzmärkte abgewickelt werden. Dabei könnten die jüngsten Vorwürfe und Ermittlungen der US-Aufsicht CFTC und der deutschen Finanzaufsicht Bafin um Manipulationen beim Isdafix gegen 15 Banken einen größeren Skandal aufdecken als bei den Schiebereien um den Interbankenzins Libor. Indirekt könnten Einbußen auch Verbraucher treffen, weil die Zinsabsicherung für Pensionskassen und Versicherungen sehr wichtig ist.

Experten wie Martin Hellmich halten es aber für unwahrscheinlich, dass die Isdafix-Manipulationen nachgewiesen und ein Schaden beziffert werden kann. Hellmich ist Professor an der Frankfurt School of Finance, promovierter Mathematiker und langjähriger Investmentbanker. Er sagt, wieder seien es die üblichen Adressen, denen Unregelmäßigkeiten vorgehalten werden: US-Investmentbanken und europäische Großbanken. Auch die Deutsche Bank soll dazu gehören. Sie gilt weltweit als einer der größten Akteure im Markt für Zinsswaps und Zinsderivate – also für Zinstauschgeschäfte, die zur Risikoabsicherung eingesetzt werden. Die Bankenaufsicht Bafin soll jetzt überprüfen, inwieweit auch deutsche Geldhäuser an den Manipulationen des Isdafix beteiligt sind. Es heißt, die Bafin prüfe die Vorwürfe.

Hinter dem Kürzel Isdafix verbirgt sich die „International Swaps und Derivatives Association“ (ISDA). Das ist ein Verband von Finanzdienstleistern, die im globalen Geschäft mit Zinsprodukten aktiv sind. Zur Orientierung und als Referenzzins hat die ISDA 1998 den Isdafix kreiert. Er wird täglich neu berechnet. Der Zins steht nach Angaben von Hellmich für ein gigantisches Marktvolumen von 400 und 500 Billionen Dollar. Das ist mehr als beim Interbankenzins Libor. Gleichzeitig sei Isdafix auch noch undurchsichtiger als Libor, betonen andere Experten.

Zinsswaps werden nicht über offizielle Börsen vereinbart, sondern abseits der regulierten Finanzmärkte – entweder zwischen Banken oder über Broker. „Over the counter“ (über den Ladentisch) nennen die Experten diesen außerbörslichen Handel.

Der ISDA, sagt Hellmich, sei im Prinzip sinnvoll, weil er Standards für solche Zinsgeschäfte setzt. Während ein kleiner Zirkel von Banken beim Libor fiktive Angaben zur Errechnung des Zinses machen, sind tatsächliche Geschäftsabschlüsse Basis für den mehrmals am Tag berechneten Isdafix. Hellmich zufolge kann der Zins nur beeinflusst werden, indem ein Broker gedrängt wird, überhöhte Preise zu nennen und dadurch bewirkt, dass Geschäfte zu falschen Preisen abgeschlossen werden. Diese gehen dann in die Berechnung des Isdafix ein. Genau dies will die US-Aufsicht CFTC in aufgezeichneten Telefongesprächen und E- Mails festgestellt haben.

Solche indirekten Manipulationen des Referenzzinses lassen sich, sagt Hellmich, nur schwer nachweisen. Dies gilt ebenso für einen möglichen Schaden. „Wie beim ähnlich gelagerten Fall des Libor wird sich auch beim Isdafix ein konkreter Schaden nicht beziffern lassen. Es ist fast ausgeschlossen, Auswirkungen auf einzelne Marktteilnehmer genau quantifizieren zu können.“ Dazu müsse es konkrete Zeitreihen über Daten zur Festlegung des Isdafix und von manipulierenden Finanztransaktionen geben sowie Zahlen über die genaue Auswirkung derartiger Aktivitäten auf Dritte. „Die sind kaum zu beschaffen.“ Möglicherweise ergaben sich für einzelne Marktteilnehmer beim Libor sogar Vorteile. Die Ermittlungen der Behörden würden sich hinziehen, am Ende könne es aber pauschale Strafzahlungen geben, vermutet Hellmich. Die sind beim Libor-Skandal bisher mit insgesamt rund 2,5 Milliarden Euro gegen die britische Barclays, die schweizerische UBS und die Royal Bank of Scotland drastisch ausgefallen.

Mögliche Geschädigte haben davon im Fall Isdafix vermutlich wenig. Dies gilt vor allem für Lebensversicherer und Pensionskassen. „Für Versicherungen und Pensionskassen und damit indirekt auch für Verbraucher und für die Altersvorsorge ist der Isdafix sehr wichtig. Mit Zinsswaps und verwandten Instrumenten, die auf dem Isdafix basieren, sichern Altersvorsorgeeinrichtungen unter anderem Wiederanlage-Risiken ab. Insofern könnten Versicherungen und Pensionskassen indirekt geschädigt worden sein“, sagt Hellmich. Es könne auch große Unternehmen und Banken treffen, die mit Zinsswaps arbeiten. Kleinere Banken wie Sparkassen und Volksbanken hätten mit der Festlegung des Isdafix nichts zu tun. Sie zählten zu den Kunden, die Zinsswaps nutzen.

„Messbare“ Auswirkungen auf den normalen Privatanleger sieht Hellmich nicht. Das sei nur möglich, wenn mit Zertifikaten gehandelt würde. Dort werden Zinsswaps eingesetzt. „Aber auch hier wäre eine potentielle Schadenshöhe kaum kalkulierbar“, sagt der Finanzprofessor.

Unabhängig davon, ob IsdafixSchiebereien nachgewiesen werden, müsse es Konsequenzen geben, sagen die Experten. Denn Manipulationen können weitreichende Folgen haben. „Die Vorgänge bei Isdafix sind nicht rund gelaufen. Deshalb gibt es Handlungsbedarf für solche außerbörslichen Geschäfte mit Blick auf mehr Transparenz und darauf, dass es Banken und Brokern nicht ohne Kontrollmechanismen überlassen werden darf, Referenzsätze festzulegen, die für den gesamten Finanzmarkt von Bedeutung sind“, sagt Hellmich. Rolf Obertreis

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