Wirtschaft : Kühle Rechner trotzen der Euro-Schwäche

HENRIK MORTSIEFER

Die Einführung der europäischen Währung hatten sich die Euro-Freunde so schön vorgestellt. Nach dem fulminanten Start der neuen Einheitswährung Anfang dieses Jahres schien es mit dem Euro nur bergauf zu gehen. Europa war die Insel der Stabilität, der Euro die neue Leitwährung. Doch der Kurs knickte ein. Der Krieg im Kosovo, die brummende US-Konjunktur, der "Sündenfall Italien": Seit seiner Einführung hat das neue Geld gegenüber dem Dollar zehn Prozent seines Wertes eingebüßt. In dieser Woche markierte der Euro bei 1,03 Dollar sein bislang tiefstes Tief. Pessimisten sahen schon die 1 : 1-Parität zur US-Währung erreicht, da half die Aussicht auf Frieden im Kosovo der Währung wieder auf die Beine. Am Freitag wurde der Referenzkurs bei 1,0474 Dollar fixiert.

Diese Erholungsphase wollen viele Analysten allerdings noch nicht als Trendwende interpretieren. Die "Friedenshausse", so heißt es, wird nicht anhalten. "Die Händler erwarten jetzt ein Kursverhältnis von 1 : 1 zum Dollar", sagt Michael Schubert, leitender Aktienstratege der Bankgesellschaft Berlin. "Eine Schmerzgrenze kennen wir nicht." Der Euro sei noch zu jung, um verläßlich bewertet zu werden. Eine ökonomisch relevante Größe sei die Währung ja erst seit knapp sechs Monaten. "Wir müssen erst lernen, wohin er eigentlich gehört", räumt Schubert ein. Und die Anleger? Ist die beklagte Euro-Schwäche ein Grund, sich neu zu orientieren?

"Keine Panik!", rät Lutz Hillus, Leiter der Wertpapierberatung der Dresdner Bank Berlin. "Im Laufe des Jahres wird die Euro-Delle ausgebügelt sein." Anleger sollten sich nicht beunruhigen. Im Gegenteil: Wer jetzt richtig investiere, dem eröffneten sich zusätzliche Gewinnchancen. Daß vor allem die exportorientierten Branchen von einem schwachen Euro profitieren, hat sich inzwischen herumgesprochen. Hier, so Hillus, sei der Zug für Schnäppchenjäger aber beinahe schon abgefahren. Bessere Chancen räumt er zum Beispiel Papieren aus der zweiten Reihe ein. Im Schatten der hoch bewerteten Wachstumswerte des Neuen Marktes und der Blue Chips aus den großen Indizes hätten sich Nebenwerte unterdurchschnittlich entwickelt. Für "sehr günstig" hält Hillus zum Beispiel die Aktien von Kolbenschmidt, Continental und Metallgesellschaft.

Michael Schubert ist skeptischer. Von einer Renaissance der M-Dax-Papiere will der Analyst nicht sprechen. "Das ändert sich schnell wieder." Wie eine "neue Investmentidee" werde dagegen hierzulande ein Trend aus den USA verkauft: die "Rotation" der Depots zu sogenannten Zyklikern. Jenen Aktien von Unternehmen also, die aus konjunktursensiblen Branchen stammen. Anders als bei der "Suche nach den kleinen Microsofts am Neuen Markt", spiele bei den Stahl-, Chemie- und Bauwerten nicht die "spekulative Energie" eine Rolle, sondern die Aussicht auf solide und stetig steigende Gewinne. Angesichts der auf Hochtouren laufenden US-Konjunktur sei dieser Trend fundamental noch zu begründen. Eine Frage des Timings sei nun aber, wann auch im konjunkturell zurückhängenden Euroland die Stunde der Zykliker schlage. "Vorsichtige Anleger sollten auf verläßliche Zahlen warten", empfiehlt Schubert.

Von der Sorge getrieben, die US-Notenbank könne die Zinsen erhöhen und der europäische Kapitalmarkt wieder attraktiver werden, hatten sich schon zuletzt Anleger in den USA und Euroland von den Wachstumswerten verabschiedet und auf zyklische Werte wie Thyssen-Krupp, BASF, Caterpillar, Boeing oder Bridgestone gesetzt. Vor allem Maschinenbauer erfreuen sich seit einigen Wochen der Aufmerksamkeit der Research-Abteilungen. Eggert Kuhls, Branchen-Analyst bei M.M. Warburg & Co, Hamburg, hält einen Aufschwung der Aktien für "überfällig". Sollte die Konjunktur in Euroland wie erwartet in der zweiten Jahreshälfte anspringen, "wird sich der Stau lösen", so Kuhls. "Maschinenbauer werden dann vom enormen Investitionsbedarf profitieren." Und in den aktuellen Kursen sei dieser Ausblick noch nicht enthalten. "Der Markt hat noch keine Prämien bezahlt." Der niedrige Eurokurs peppele die Branche, die 20 Prozent ihres Umsatzes außerhalb des europäischen Währungsraumes macht, zusätzlich auf. Kuhls hat die Papiere von Krones, Agiv und MAN auf die Favoritenliste genommen.

Die Aussichten auf steigende Unternehmensgewinne und eine Belebung der Euro-Konjunktur lassen auch Eberhardt Unger, Chefanalyst der BfG Bank, für die Monate Juni und Juli ein Kursfeuerwerk bei jenen Aktien vermuten, die sich zyklisch bewegen. "Das Rennen ist noch lange nicht gelaufen", sagt Unger. MAN, Thyssen-Krupp und die Metallgesellschaft empfiehlt der BfG-Banker. Aber auch Lufthansa- und BASF-Aktien sollten sich Anleger genauer ansehen. Daß der Euro in der vergangenen Woche dem Dollar gefährlich nahegekommen sei, "tut schon weh", sagt Unger. Grund zur Nervosität sieht er allerdings nicht. "Das Schlimmste haben wir hinter uns." Die europäische Währung habe in den kommenden sechs bis zwölf Monaten ein Aufwertungspotential. Unger sieht den Euro in einem Jahr bei 1,10 Dollar.

Ob der Euro steigt oder fällt, auf die meisten europäischen Aktien hat die Währungsrelation zum Nicht-Euroraum ohnehin immer weniger Einfluß. So machen die im Euro Stoxx zusammengfaßten Unternehmen statt wie vor der Euro-Einführung 30 Prozent inzwischen rund 70 Prozent ihres Umstzes im "Euro-Inland". Die Aufregung um die Talfahrt des Euro hält Uwe Arndt, Abteilungsdirektor der Berliner Repräsentanz der Credit Suisse (Deutschland) AG, denn auch für "hysterisch".

Vermögenden Anlegern rät Arndt, jetzt erst recht im Euro-Raum zu investieren. Antizyklisches Verhalten sei jetzt das Gebot der Stunde. "Nicht nervös werden und nicht der Masse folgen." Der starke Dollar verbessere die Chancen auf den internationalen Märkten - vor allem in Europa. Am US-Markt sei derzeit allenfalls noch ein defensives Investment ratsam. Wer über ein bereits breit gestreutes Depot verfüge, könne an der Wall Street noch selektiv und langfristig auf große Technologiewerte setzen. "Aber Finger weg von den extrem hoch bewerteten kleinen Internet-Aktien." Das entsprechende Kapital muß freilich für diese Strategie schon mitgebracht werden. Wer eine Mill. DM und mehr zur Vefügung hat und alles in Aktien anlegen will, sollte nach Arndts Empfehlung sein Portfolie wie folgt aufteilen: bei 11 Prozent Liquidität sollten 15 Prozent des Vermögens in Japan, sieben in den USA, 30 in Deutschland, 20 in Frankreich, 11 in Spanien und sechs in Italien investiert werden. Und der Schweizer Franken? Als sicherer Hafen vor dem Euro-Verfall hat die Währung ausgedient. "Der Markt ist viel zu eng", sagt Arndt.

Wer bescheidenere Ersparnisse an der Börse angelegt hat, muß sich einstweilen um den Euro keine Sorgen machen, glaubt Ulrich Hocker, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Die Kursentwicklung habe auf die Anlageentscheidung des Kleinaktionärs kaum Einfluß. Zu spüren bekommen es viele Aktiensparer allerdings doch: "Wer jetzt in die Sommerferien fährt, muß mehr bezahlen."

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