Wirtschaft : Küken gerettet, Eltern gekocht

Jedes Jahr stranden Tausende junge Papageientaucher auf Island. Ihre Rettung ist ein Volksfest

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Von Ellen E. Schultz „Halt!“, ruft der Polizist den Kindern zu, die sich um zwei Uhr morgens am Hafen herumtreiben. Er nähert sich vorsichtig und drückt ihnen einen flauschigen Papageientaucher in die Hand, geht zurück zu seinem Auto und fährt davon. Die Kinder nehmen den Papageientaucher – oder genauer: das PapageientaucherKüken – und stecken es in einen Pappkarton. Sie haben in dieser Nacht schon ein halbes Dutzend Jungvögel in ihre Obhut genommen. Und es werden noch mehr werden.

Jeden August, etwa zwei Wochen lang, beginnen die jungen Papageientaucher auf der Inselgruppe Vestmannaeyjar (Westmännerinseln) vor der isländischen Südküste mit ihren ersten Flugversuchen aufs offene Meer und viele von ihnen landen – irritiert vom Leuchtturm, den sie für den Mond halten – auf Parkplätzen, Hinterhöfen und Autos. Die Kinder durchkämmen die Straßen der einzigen Stadt auf Heimaey, der größten und einzig bewohnten der 15 Westmännerinseln, auf der Suche nach den Küken.

Die Rettung von Papageientaucher-Küken hat hier über Generationen hinweg Tradition– wie Ostereier suchen und Halloween in einem. „Es ist viel besser als Halloween“, sagt Árny Ósvaldsdottir, die sagt, sie sei „fast elf Jahre“ alt. Ihre zwei Cousins und ein gemeinsamer Freund nicken eifrig. In der Nacht zuvor waren sie bis fast drei Uhr morgens unterwegs und haben 15 Küken gefunden.

Das wollten sie in dieser Nacht noch übertreffen. Kurz vor Mitternacht stiegen sie in das Auto von Ólafur Gudjonsson, dem Vater eines der Jungen. Herr Gudjonsson, der Physik lehrt, hat selbst als Kind kleine Papageientaucher gerettet. Auf dem Kai im Norden der Stadt entdecken sie ein schwarz-weißes Küken. Erwachsene Papageientaucher sehen ein bisschen aus wie Pinguine. Sie haben große, leuchtend gelb-orangene Schnäbel. Die Strategie der Kinder ist einfach: Wie Fußballspieler versuchen Árny und ihr Cousin Óli Ólafson, ein Achtjähriger mit knallroten Haaren, und ihr zehn Jahre alter Freund Arnar Gústafsson, das Küken Richtung Auto zu treiben. Ólis zehnjähriger Bruder Bjartur gleitet vor das Küken und lässt es in seine Arme fallen. Er setzt das Küken in eine Schachtel. Eine Katze schleicht sich enttäuscht davon.

Viele der zehn Millionen Papageientaucher, die jeden Sommer in Island nisten, wählen die 34 Quadratkilometer große Insel, um ihre Jungen aufzuziehen. Bis Mitte August haben sich die meisten Vogeleltern, nachdem sie je ein Junges großgezogen haben, auf das offene Eismeer begeben, wo sie überwintern. Die Jungen, die zurückbleiben, sollen ihnen kurzfristig folgen, aber wie überall auf der Welt lässt sich die eigenwillige Jugend gerne von den Lichtern der Stadt anlocken. Wenn die Jungvögel auf Gebäude plumpsen, können sie durch den Aufprall sterben, werden von Katzen gefressen oder sind einfach geschockt.

Das Küken-Retten ist hier so beliebt, dass viele Menschen, die auf den „Westmännern“ aufgewachsen sind, hier jeden Sommer mit ihren Kindern zurückkehren. „In dieser Zeit würden wir nie in Urlaub fahren“, sagt Herr Gústafsson. Für Papageientaucher war die Insel, bevor es elektrisches Licht gab, kein riskanter Nistplatz. Für Menschen war es dagegen hier immer etwas rauh. Die größte der 15 Inseln wurde im zehnten Jahrhundert von irischen Sklaven, den so genannten Westmännern, besiedelt. Die wurden später von Festlandwikinger zum größten Teil getötet. Die neuen Bewohner hatten ebenfalls nicht lange Ruhe. 1627 wurden die Inseln von nordafrikanischen Piraten heimgesucht. 1973 brach unerwartet ein neuer Vulkan am Rande der Stadt aus und begrub ein Drittel von ihr.

Heute sind die Nachfahren der Wikinger, die hauptsächlich vom Fischfang leben, ziemlich pragmatisch, was die Tierwelt in ihrer Mitte angeht. In jedem Sommer werden zehntausend erwachsene Papageientaucher erlegt, die dann in den Kochtöpfen landen. An jenem Abend, bevor Árny, Óli, Arnar und Bjartur zur Küken-Rettung auszogen, hielten viele Autos vor einem Bistro, in dem man auch Papageientaucher bestellen konnte – geräuchert oder mit süßer Sauce.

Am Nachmittag nach ihrem nächtlichen Abenteuer eilen die Kinder zur Westküste, wo immer mehr Wagen anfahren, aus denen kleine Kinder mit Pappkartons steigen. Die vier Freunde bringen ihre Schachteln zu ihrem favorisierten Startplatz auf den Klippen. Die Küken heben ab wie Raketen und verschwinden schnell in der Weite. „Alles Gute!“, rufen ihnen die Kinder hinterher.

Die Texte wurden übersetzt und gekürzt von Karen Wientgen (Nobelpreisträger), Svenja Weidenfeld (Papageientaucher) und Matthias Petermann (Armut, Schröder, Referendum).

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