Wirtschaft : Künstliche Beatmung per Hand

Unter Indiens Kindern wütet ein tödliches Virus. Doch Medikamente aus China dürfen nicht ins Land

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Von John Lancaster Kiran Kumari war schon seit über einer Woche krank, ehe sie schließlich auf einer stickigen überfüllten Station des Krankenhauses von Gorakhpur Platz fand. Kurz darauf verlor das schmächtige elfjährige Mädchen mit dem kupfernen Haar das Bewusstsein und konnte nicht mehr selbstständig atmen. So übernahm ihr Vater für sie das Atmen. Der mittellose Landarbeiter saß auf dem Rand ihrer dünnen Matratze, das ausdruckslose Gesicht von Erschöpfung gezeichnet, und quetschte mit seinen schwieligen Händen den Ballon eines Plastikventilators, führte mit jedem Druck Luft in ihre Lunge.

Gewöhnlich werden solche Aufgaben vom Pflegepersonal verrichtet. Doch daran mangelt es in Indien. Die Krankenhäuser im nördlichen Bundesstaat Uttar Pradesh haben seit zwei Monaten mit einer Epidemie der Japanischen Enzephalitis (JE) zu kämpfen, einer Virusinfektion des Gehirns, an der bereits mehr als 2000 Kinder erkrankt sind und die fast 600 Menschen das Leben kostete. In dieser Stadt, im Kerngebiet der Epidemie, gleichen die Verhältnisse immer mehr der Situation in Kriegsgebieten: Zwei oder drei erkrankte Kinder müssen sich ein Bett teilen, Familienangehörige lagern in den schmutzigen Fluren, und überlastete Ärzte und Pfleger mühen sich, mit dem Ansturm von circa 30 neuen Fällen täglich fertig zu werden.

Die Japanische Enzephalitis verläuft für knapp 30 Prozent der Betroffenen tödlich, unter den Opfern sind überwiegend Kinder unter 15 Jahren. Von jenen, die überleben, behalten viele dauerhafte neurologische Schäden. Die Zahlen sind umso bedrückender, als der Krankheit durch Impfstoffe vorgebeugt werden kann. Und gerade Indien wäre dafür gut gerüstet.

Die Pharmaindustrie des Landes beliefert weite Teile der Dritten Welt mit Medikamenten, darunter Masernimpfstoff und antiretrovirale Medikamente zur Bekämpfung von Aids. Ein staatliches Forschungsinstitut stellt seit Jahren einen JE-Impfstoff her. Doch der indische Impfstoff ist teuer, zeitaufwändig in der Herstellung und kurzlebig in seiner Wirkung. Weil die Regierung sich weigert, bessere Varianten aus China und anderen Ländern einzuführen oder Lizenzen für die Herstellung im eigenen Land zu vergeben, bekämpft Indien die Japanische Enzephalitis „nach Feuerwehrmanier“, wie die Virologin Julie Jacobson es nennt: Die heimische Impfstoff-Produktion wird erst angefahren, wenn es irgendwo zum Ausbruch der Krankheit kommt – und damit oft zu spät. „Es ist unglaublich, dass das Problem der Japanischen Enzephalitis in Anbetracht der technischen Leistungsfähigkeit in Indien noch nicht gelöst ist“, sagt Jacobson, die in Seattle eine 27-Millionen-Dollar-JE-Initiative leitet, finanziert von der Bill & Melinda Gates Foundation.

In der Stadt Gorakhpur, etwa 640 Kilometer östlich der Hauptstadt Neu-Delhi, in der sumpfigen Tiefebene am Fuße des Himalaya-Gebirges unweit der Grenze zu Nepal, leben besonders viele JE-Opfer. Seit Ende Juli wütet die Epidemie in den armen Bauerndörfern, die die Stadt umgeben. Auf den Stationen des Allgemeinen BRD Medical College werden die meisten der Kranken behandelt. Da es bisher kein Heilmittel gegen die Krankheit gibt, können die Ärzte nur versuchen, die Symptome zu lindern. Sie behandeln das Fieber und die Krämpfe medikamentös oder legen Schläuche, um die Kinder künstlich zu ernähren, wenn sie das Bewusstsein verlieren.

Auf drei Stationen mit 180 Betten werden rund 230 Enzephalitis-Patienten behandelt, sagt der leitende Kinderarzt. Ungefähr alle zwei Stunden stirbt ein Kind, und Ärzte und Pflegepersonal sind so knapp, dass häufig nur noch die improvisierte Hilfe der Eltern ihre bewusstlosen Kinder am Leben hält.

Die elfjährige Kiran Kumari lebte mit ihren Eltern und sechs Geschwistern in einer Hütte aus Lehm und Stroh ungefähr 60 Kilometer von Gorakhpur entfernt. Nachdem sie Krämpfe bekommen hatte, brachten ihre Eltern sie gemeinsam mit einer jüngeren Schwester in einer motorisierten Rikscha ins Krankenhaus. Als das Mädchen einige Tage später das Bewusstsein verlor, wurde ein Plastikschlauch in die Luftröhre des Kindes eingeführt. Den Eltern wurde gezeigt, wie man den handbetriebenen Ventilator bedient, denn die mechanischen waren alle belegt. „Seit vier Tagen konnten wir nicht essen oder irgendetwas kochen“, sagt Kumaris Mutter Gulaicha Devi, eine zierliche, verhärmte Frau von 40 Jahren. „Wir sind so müde. Wir haben nichts mitgebracht, nicht mal Kleidung zum Wechseln.“

Trotz ihrer Erschöpfung haben Kumaris Eltern und ihre Schwester abwechselnd den Ventilator bedient, niemals bereit, die Hoffnung aufzugeben. Es war zwecklos. Eines Morgens waren sie und ihre Tochter nirgendwo mehr zu finden, und ein anderes krankes Kind hatte das Bett belegt. Der Auskunft eines Arztes zufolge war Kumari in der Frühe um 5 Uhr 15 gestorben.

Texte übersetzt und gekürzt von Tina Specht (New Orleans), Matthias Petermann (Indien) und Christian Frobenius (Merkel, China).

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