Kultmarke Käthe Kruse : Neue Kleider für das Luxuspüppchen

Es begann damit, dass die Schauspielerin Käthe Kruse ihrer Tochter im Jahr 1905 eine Puppe nähte. Heute produziert das Traditionsunternehmen auch Stofftiere und Kinderkleidung. Und die Palette wird immer größer.

von
Schauspielerin und Unternehmerin Käthe Kruse (*1883, †1968) hier auf einem Foto von 1955.
Schauspielerin und Unternehmerin Käthe Kruse (*1883, †1968) hier auf einem Foto von 1955.Foto: dpa

Ein kleiner rosafarbener Badeanzug mit blau-weißen Trägern hängt in Donauwörth an der Wand, dazu ein rosa-weißes Strickjäckchen mit Herzchen und ein Eimerchen mit Schaufel. Den Badeanzug hat Sabine Zehrfeld entworfen, für die nächste Saison. Gemeinsam mit ihren zwei Kolleginnen entwickelt die Schneiderin im Werk von Käthe Kruse in Bayern neue Modelle und Outfits – traditionelle Dirndl, Blumenkleidchen, aber auch Chucks oder kleine mit Glitzer besetzte Kopfhörer sind dabei. Den Badeanzug aus dem Hause Kruse wird im kommenden Jahr Planscherle tragen. Die kleine Vinyl-Babypuppe gibt es schon seit Ende der 1990er Jahre, rund hundert verschiedene Kleidchen haben Zehrfeld und ihre Kollegen in dieser Zeit schon für sie entworfen.

Atelier, Schneiderei, Frisierstube – all das zeugt in Donauwörth noch von der alten Zeit, dabei hat auch bei Käthe Kruse längst die Moderne Einzug gehalten. Das Traditionsunternehmen, dessen Grundstein die Schauspielerin Kruse vor mehr als hundert Jahren legte, macht heute nur noch ein knappes Drittel seines Umsatzes mit Puppen. 70 Prozent des Erlöses, der im unteren zweistelligen Millionenbereich liegt, gehen auf Babyspielzeug und Kindermode zurück. Denn heute steht auf dem Wunschzettel der Kinder mitnichten mehr die Puppe auf Platz eins. Die teuren Kruse-Sammlerstücke, die ein Leben lang hielten, passen kaum noch zum Zeitgeist, der jedes Jahr ein anderes Spielzeug mit technischen Raffinessen unter dem Baum fordert.

Käthe Kruses Tochter Hanne war es, die Ende der 1950er Jahre den Grundstein für das heute so wichtige zweite Standbein der Firma legte. Die Gründerin, die ihre Puppen in Bad Kösen (heute ein Ortsteil von Naumburg an der Saale) produzierte, war gerade durch die DDR enteignet worden und in den Westen nach Donauwörth geflohen. Dort liefen die Geschäfte schleppend, Rohstoffe waren knapp und neue Materialien wie Weichgummi revolutionierten das Geschäft. Mit modernen Maschinen konnten Millionen identischer Modelle produziert werden. Der Spielwarenhersteller Zapf schuf Plastikpuppen, die man baden und wickeln konnte, und das zu kleinem Preis. Kruse selbst hatte für neumodische Ansätze nichts übrig. „Die Puppe kennt keinen technischen Schnickschnack, im Gegenteil, sie regt zu grenzenloser Fantasie an“, sagte sie damals.

Als sie 1958 – zehn Jahre vor ihrem Tod – die Geschäfte an Hanne Adler-Kruse übergab, wandte diese sich neuen Materialien zu. Statt Stoff, Echthaar und Rentierhaar für die Körper, das bei Kruse heute noch in den teuren Sammlerpuppen steckt, verwendete Tochter Hanne nun auch Kunststoffe, allerdings wurde zunächst weiterhin alles von Hand gefertigt. „Hanne hat mit dem Däumlinchen die Firma gerettet“, sagt Josef Bergmann, der einst einer der großen Händler der Marke war und heute Interessierte durch das Werk in Donauwörth führt. Die kleine Kunststoffpuppe, die 1957 auf den Markt kam, war deutlich erschwinglicher als die großen Traditionsmodelle. Heute noch zählt sie nach Angaben des Unternehmens zu den meistverkauften Kruse-Puppen. 1967 wagte Hanne einen weiteren Schritt, und begann, Babyspielzeug aus Plüsch und Frottee zu entwerfen – Puppen, Wichtel und Tiere.

Das Ehepaar Andrea-Kathrin und Stephen Christenson, das seit 1990 die Firma leitet, führte den Kurs von Hanne Adler-Kruse fort. Sie übernahmen die Firma Asta Berlin, und seitdem bietet Käthe Kruse auch Holzspielzeug, Hand- und Biegepuppen an. Was für Puppen geht, geht auch für kleine Menschen, dachten sich die Christensons und begannen 1996, auch Kindermode zu produzieren. Jedes Jahr kommt eine neue Kollektion auf den Markt. „Damals haben wir den Sprung von der Puppe zur Ausstattung des Kinderzimmers gemacht“, sagt Andrea-Kathrin Christenson. Beim Spielzeug sei aber heute das Wachstumspotenzial fast ausgereizt. Deshalb will man bei Käthe Kruse künftig stärker auf Accessoires setzen.

Sommerkollektion. Am Stammsitz in Bayern werden diese Klamotten entworfen. Genäht werden sie aber in Lettland.
Sommerkollektion. Am Stammsitz in Bayern werden diese Klamotten entworfen. Genäht werden sie aber in Lettland.Promo

„Wir wollen Eltern alles rund ums Kind bieten, von der Wickeltasche bis zum Badespielzeug“, sagt Christenson. Taschen für die Kita, Brotdosen, Trinkflaschen sind in der Planung. Zudem wolle man im kommenden Jahr einen strategischen Partner bei der Kindermode suchen. Namen will Christenson noch nicht nennen. „Aber wir wollen uns in diesem Bereich vergrößern, hier ist Wachstumspotenzial“, sagt die Chefin.

Plüschtiere, Kindermode und die deutlich günstigeren und weniger aufwendigen Spielpuppen – all das stammt längst nicht mehr aus Donauwörth. Im Werk des Traditionsunternehmens arbeiten heute noch 45 Menschen. Sie machen die Konzeption, entwerfen Puppen, Plüschtiere und Kleider. Produziert wird all das in Lettland, wo die Firma in Jelgava rund 400 Näherinnen beschäftigt. Auch die Spielpuppe Planscherle kommt von dort. „Eine Puppenstrickjacke zu deutschen Löhnen würde allein fast hundert Euro kosten“, begründet Schneiderin Sabine Zehrfeld. So folgt die Firma Käthe Kruse dem Trend. Viele deutsche Puppenhersteller lassen heute in Asien fertigen. Selbst Barbie, die meistverkaufte Puppe der Welt, einst in Deutschland geboren, in den USA groß geworden, kommt mittlerweile aus China.

Die Traditionspuppen aber, die Hunderte von Euro kosten, werden noch immer in Donauwörth hergestellt, streng nach Kruses Vorgaben. Als sie noch das Unternehmen führte, verbrachte sie jeden Abend an der Staffelei und hinterließ ihren Mitarbeiterinnen kleine Zettelchen. „Die Puppe sagt 55“, schrieb sie, wenn die Lippen zu schmal geraten waren, oder „Schielböckchen“, wenn sie mit den Augen unzufrieden war.

Maler Alexander Pasuchanitsch bemalt die kostbaren Sammlerstücke seit mehr als 20 Jahren in Kleinstarbeit. Und er restauriert die alten Modelle aus Stoff. Dafür muss er in seinem Atelier hunderte verschiedene Farben anmischen. Denn trotz der schnelllebigen Zeiten bringen Sammler ihre Puppen nach Donauwörth, wenn sie Beine, Arme oder das kunstvoll frisierte Echthaar verloren haben; oder ihre Farbe am Mund vom vielen Küssen. Sie liegen in kleinen weißen Krankenhauskittelchen in einer Box und warten auf die Diagnose durch den Puppendoktor. So hatte Käthe Kruse es sich gedacht: Achtet man gut auf sie, bleiben die Puppen „dem Kind ein Leben lang treu“.

0 Kommentare

Neuester Kommentar