Kultur : Aufschwung mit Showeffekt

Musical und Varieté sind ein wichtiger Standortfaktor. Nicht nur Touristen kommen in die Aufführungen.

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Die deutsche Musicalhauptstadt ist Hamburg und nicht Berlin – daran dürfte auch die neue Großproduktion „Hinterm Horizont“ mit Hits von Udo Lindenberg wenig ändern, die am Donnerstag im Theater am Potsdamer Platz uraufgeführt wird. Hamburg „hatte fast 25 Jahre lang Zeit, sich als Musicalstadt zu positionieren“, sagt Produzent Bernhard Kurz, der Mitte der 80er Jahre mit seinem Bruder Friedrich die Londoner Musicals „Cats“ und „Das Phantom der Oper“ in die Hansestadt geholt und zu deutschlandweit einzigartigen Publikumsrennern gemacht hatte. Doch auch viele Berliner Bühnen sind im Showgeschäft erfolgreich. Die Stadt habe eine führende Rolle im „modernen Entertainment“, sagt Christian Tänzler von der Tourismusgesellschaft Visit Berlin, der damit unter anderem auch Revuen, Varieté und Kleinkunst meint.

Einen Rekord meldete soeben zum Beispiel der Friedrichstadtpalast in Mitte: Der Umsatz wuchs 2010 um 1,7 Millionen auf 21,2 Millionen Euro. Rund 450 000 Amüsierwillige kamen an die Friedrichstraße, was einer Auslastung von 82 Prozent entspricht – eine Steigerung um sieben Prozent gegenüber 2009. Noch vor drei Jahren hatte das Haus einen Verlust von vier Millionen Euro gemacht und ein Darlehen vom Land Berlin benötigt. Damals übernahm Intendant Bernd Schmidt den Betrieb, mit der 2008 gestarteten Show „Qi“ gelang ihm der erste große Erfolg: In 15 Monaten kamen 550 000 Zuschauer. Dieses Ergebnis könnte die aktuelle Produktion „Yma“ noch übertreffen, glaubt Schmidt. Seit der Premiere im September hätten bereits 200 000 Menschen die Show gesehen und für das erste Halbjahr 2011 seien weitere 100 000 Tickets schon verkauft. „Das hat eine ganz andere Dynamik“, sagt der Intendant. Der Touristenanteil sei auf rund 60 Prozent gestiegen. Die Viertelmillion Übernachtungsgäste hätten schätzungsweise 180 Millionen Euro in der Stadt ausgegeben, rechnet Schmidt vor – also ein Vielfaches der jährlichen Subvention in Höhe von knapp 6,5 Millionen Euro. Forderungen der Berliner FDP-Fraktion, den Zuschuss zu kürzen, lehnen der Intendant und die Senatskulturverwaltung ab, weil dies die Karten um fast 25 Prozent verteuern würde.

Das Erfolgsrezept des Friedrichstadtpalastes bestehe darin, dass „wir konsequent auf Modernität setzen“. Früher sei das Haus als „piefige Glitzerkiste“ verspottet worden und habe ein „verstaubtes, rückwärtsgewandtes Image“ gehabt. Heute biete man „Lichteffekte wie bei einem Madonna-Konzert“, habe 500 „Yma“-Kostüme vom Designer Michael Michalsky gestalten lassen und auch die Songs aufgefrischt – bis hin zu elektronischer Musik des aus Clubs bekannten Duos „Tiefschwarz“. Das Durchschnittsalter der Besucher betrage nicht mehr 52, sondern 45 Jahre. Shows wie im Friedrichstadtpalast „findet man sonst nur in Las Vegas“, sagt Schmidt. Berlin sei mit seinen vielen Bühnen, Museen und Galerien „eindeutig die deutsche Kulturhauptstadt“ und „schlägt den Bogen von der Sub- bis zur Hochkultur“.

So sehen es auch die Tourismuswerber. „Hier tickt der Markt etwas anders, es gibt viel Berlin-Spezifisches“, sagt Visit-Berlin-Sprecher Tänzler. Spielstätten wie der Friedrichstadtpalast, der Admiralspalast am Bahnhof Friedrichstraße oder das Theater des Westens in Charlottenburg hätten eine „starke historische Bindung zur Stadt“. Hinzu kämen besondere Eigengewächse wie das Tipi-Zelt am Kanzleramt und die Bar jeder Vernunft mit dem historischen Spiegelzelt in Wilmersdorf. Und nicht zuletzt spiele die Stadtgeschichte eine maßgebliche Rolle im Udo-Lindenberg-Musical, das an das Konzert des Musikers im Ost-Berliner „Palast der Republik“ erinnert.

Der Musicalkonzern Stage Entertainment spricht von einem „Stoff für die Hauptstadt, der thematisch nicht passender sein könnte“. Touristen, die einen Großteil der Show- und Musicalbesucher ausmachen, schätzten solche lokale Bezüge. Stage Entertainment betreibt neben dem Musicaltheater am Potsdamer Platz auch die dortige Bühne der seit 2004 erfolgreichen „Blue Man Group“, die mittlerweile zu 75 Prozent Touristen anzieht, sowie das Theater des Westens. Dort läuft seit Mitte Oktober „We Will Rock You“ mit Musik der Rockband Queen. „Wir hatten gerade das mit Abstand beste Weihnachtsgeschäft in Berlin seit fünf Jahren“, lobt Jaekel. Besucher- oder Umsatzzahlen nennt sein Unternehmen allerdings „grundsätzlich“ nicht.

Ein moderner Klassiker ist die vom Produzenten Bernhard Kurz gegründete Doppelgänger-Show „Stars in Concert“ im Neuköllner Hotel Estrel. Seit 1997 kamen laut Sprecherin Miranda Meier rund 3,85 Millionen Besucher zu 5800 Shows. „Ende 2011 werden vier den viermillionsten Gast begrüßen dürfen“, schätzt sie. Die Besucherzahlen stagnierten zwar, aber auf hohem Niveau. Die meisten Zuschauer kämen aus Berlin und Brandenburg, gefolgt von Nordrhein-Westfalen Niedersachsen und Bayern.

Das Wintergarten-Varieté an der Potsdamer Straße hatte nach der Insolvenz und Schließung im Januar 2010 wiedereröffnet. Geschäftsführer Georg Strecker gibt zwar keine Zahlen preis, ist aber „mit dem Verlauf des ersten Jahres sehr zufrieden“. Sowohl bei Einzeltickets als auch bei Firmenkunden habe man sich schnell wieder etablieren können und sei für Galas und Events gut gebucht. Etwa die Hälfte der Besucher sind Touristen.

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