Wirtschaft : Kurseinbruch in Prag, Warschau und Budapest

LUDMILLA RAKUSAN

WARSCHAU .Mit voller Wucht werden in diesen Tagen die Kapitalmärkte Mittelosteuropas von der russischen Wirtschaftskrise erwischt.Am stärksten wurde am Donnerstag die Börse in Budapest betroffen.Ihr Aktienindex BUX verlor 14,4 Prozent und fiel auf seinen Wert vom April 1997 zurück.Nachdem die Aktien des wichtigen Rußlandsexporteurs Gedeon Richter um 20 Prozent an Wert verloren, wurde das Handeln mit diesem Titel in Budapest vorläufig eingestellt.Das gleiche Schicksal erlitten Anteile der ungarischen OTP Bank.Am Freitag gab der Index noch einmal um fast 5,5 Prozent nach.

Am glimpflichsten schien die Krise vorerst in Warschau zu verlaufen: der polnische Aktienindex WIG verlor am Donnerstag lediglich 6,1 Prozent.Am Freitag beschleunigte sich jedoch der Verfall: Der WIG-Index gab um 9,5 Prozent auf 11 767 Punkte nach."Das ist ein klassisches Beispiel für Panik am Markt" sagte ein Warschauer Analyst.Selbst wenn das polnische Wirtschaftswachstum im Zuge der Krise um einen auf 4,5 Prozent sinke, sei das noch immer ein guter Wert, der den Kursrutsch nicht rechtfertige.

Der Kursverfall setzte sich am Freitag auf allen drei mittelosteuropäischen Kapitalmärkten in etwa gleicher Geschwindigkeit fort.Besonders dramatisch verläuft das Handeln mit Aktien von Großunternehmen, den sogenannten "blue chips".So verloren die tschechischen Aktien von SPT Telecom am Donnerstag über acht Prozent, die Anteile des Monopolstromerzeugers CEZ sowie die des vor seiner Privatisierung stehenden Bankinstituts Komercni Banka über 12 Prozent.Das Handeln mit Aktien der Tschechischen Sparkasse, bei der die meisten Tschechen ihr Erspartes aufbewahren, wurde am Donnerstag, nachdem ihr Kurs um mehr als 20 Prozent fiel, kurzfristig eingestellt.Bereits am Freitag vormittag fielen die Kurse der Sparkasse weiter, der tschechische Aktienindex schloß am Freitag mit einem Verlust von 3,4 Prozent.

Der Kursverfall der tschechischen Währung hält sich dagegen in Grenzen: am Freitag vormittag wurde eine DM zu 18,72 Tschechischer Kronen gehandelt.Die Wertminderung osteuropäischer Aktien wurde laut Experten durch das Verhalten großer ausländischer Investoren verursacht, die vor dem Wirtschaftschaos Rußlands fliehen und in Panik Wertpapiere aus Osteuropa um praktisch jeden Preis veräußern.Heimische Interessenten, die daraus gerade jetzt Nutzen ziehen könnten, gibt es auf den immer noch wenig entwickelten und oft auch schlecht geordneten Kapitalmärkten in Budapest, Warschau und Prag dagegen kaum.Die Verflechtung der Wirtschaften Polens, Ungarns oder Tschechiens mit russischen Firmen und Banken ist allenfalls heute geringer, als anscheinend immer noch angenommen wird.Allerdings besaß zum Beispiel die Tschechische Sparkasse (Ceska Sporitelna) in kurzfristigen russischen Staatsanleihen, die in dieser Woche in Moskau eingefroren wurden, 600 Mill.Kronen und ihre Reserven dürften zur Deckung dieser Verluste arg strapaziert werden.Da dieses Geldinstitut, ähnlich wie zwei andere tschechische Bankhäuser mit Staatsbeteiligung, demnächst privatisiert werden soll, wird sich das auf den von der Staatskasse erwarteten Erlös negativ auswirken.

Wenn die Lage in Rußland nicht völlig außer Kontrolle gerät, so die Meinung einiger Experten, dürften sich die auf mittelosteuropäischen Börsen gehandelten Titel jedoch bald erholen.Miroslav Singer aus der Gesellschaft Expandia Finance mit Sitz in Prag meint dagegen, mit Rußland habe die gegenwärtige Entwicklung auf mittelosteuropäischen Kapitalmärkten nicht mehr viel zu tun.Entscheidend werden nun die Bemühungen um die Stabilisierung des amerikanischen Dow Jones Index sein.

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