Wirtschaft : Kursentwicklung an den Aktienmärkten: Analysten nähren neue Hoffnung für 2001

Für das Jahr 2001 sind viele Aktienexperten in Deutschland trotz der momentan sehr schwachen Börsenverfassung wieder optimistisch. Fallende Ölpreise, sinkende Zinsen und angestautes, auf Anlagemöglichkeiten wartendes Kapital sollen den Kursen wieder Aufwind geben. Das gilt auch für den krisengeschüttelten Neuen Markt. Es sei damit zu rechnen, dass das durch eine Reihe von Negativschlagzeilen erschütterte Vertrauen der Investoren mit dem von der Börse in Aussicht gestellten erweiterten Regelwerk wieder hergestellt werden könne, meinen Analysten. Angeführt von den Biotechwerten sollen steigende Aktienkurse den alle Werte des Börsensegments umfassenden Nemax-All-Share-Index 2001 auf bis zu 5000 Punkte nahezu verdoppeln. Damit läge das Börsenbarometer immer noch um 41 Prozent unter seinem Höchststand vom März 2000. Am Donnerstag pendelte der Index zwischen 2600 und 2700 Punkten.

Das Jahr 2000 geht für den Neuen Markt als ein Jahr der Extreme in die Geschichte ein. Einer vor allem von Internetaktien getragenen Euphorie mit einem Jahreshöchststand des Nemax-All-Share von 8546 Punkten im März folgte ein sich etappenweise vollziehender Absturz um fast 70 Prozent. Die Begeisterung für die Internetfirmen hatte ein Ende gefunden, als der britische Designermoden-Händler Boo.com im Mai in Konkurs ging. Merrill-Lynch-Analyst Peter Bradshaw damals: "Die Zeiten, in denen zweifelhafte Geschäftsideen gefördert werden, sind vorbei. Es werden noch mehr dieser Unternehmen scheitern."

Von Oktober bis Dezember beschleunigte sich die Talfahrt. Schließlich erlitt der ehemalige Anlegerliebling EM.TV einen Kurseinbruch und sackte auf nur noch ein Zwanzigstel des Jahreshochs ab. Nach dem jüngsten Ausverkauf ist der Neue Markt nun nach Einschätzung von Analysten, von denen sich viele allerdings im abgelaufenen Jahr oft als deutlich zu optimistisch geäußert hatten, aus dem Gröbsten heraus.

"Der Neue Markt ist nicht tot, wenngleich eine gehörige Portion Realismus Einzug gehalten hat", sagt Giuseppe Amato, Analyst bei Lang & Schwarz. Die Mutigen fingen bereits teilweise an, Bestände aufzubauen. Fondsmanager, die auch in der Korrektur immer wieder auf weitere Mittelzuflüsse für ihre Neue-Markt-Fonds verwiesen hatten, erwarten spätestens für den Jahresanfang einen Zufluss von Kapital am Wachstumssegment. Vor allem im Januar werde die Liquidität in den Markt zurückkommen, sagte Andre Köttner, Fondsmanager bei Union Investment. Sein Haus erwartet für Ende 2001 einen Indexstand des Nemax-All-Share von 5000 Punkten. Allerdings sei es wahrscheinlich, dass im kommenden Jahr rund zwei Dutzend Neuer-Markt-Werte vom Börsenzettel verschwänden.

Die besten Kursaussichten räumen weitere von Reuters befragte Analysten den Biotechwerten ein. Internet-Aktien würden sich dagegen bestenfalls im Trend zum Gesamtmarkt entwickeln, hieß es. Rüdiger Ginsberg, Geschäftsführer von Union Investment, geht nach eigenen Worten davon aus, dass Internet-Portale ohne Markennamen, Internet-Service-Provider und kleine Telekomgesellschaften wegen der hoher Marketingaufwendungen in der Existenz bedroht sein werden. Die Analysten der BHF-Bank erwarten bis Ende 2001 einen Indexstand von 4000 bis 4500 Punkten beim Nemax.

Ungeachtet geplatzter Illusionen machen die Banken auch bei den Standardwerten wieder in Hoffnung. Der Branchenführer Deutsche Bank sieht den Dax Ende 2001 schon wieder in luftigen Höhen: 8200 bis 8700 Punkte lautet die Prognose. Die Commerzbank liegt mit 8100 Punkten nur leicht darunter, und die DG Bank befindet sich mit 8500 Punkten in bester Gesellschaft.

Doch Vorsicht ist angebracht. Gerade erst das auslaufende Jahr zeigte, dass Prognosen der "Börsengurus" mit Vorsicht zu genießen sind. Gewinneuphorie ohne Realitätsbezug, das Schlagwort "New Economy", der kaum zu bremsende Boom in den USA sowie die Hoffnung auf enorme Produktivitätssprünge durch massenhafte Internetanwendung führten zu "überzogenen Erwartungen", resümiert heute die Deutsche Bank. Doch zum Jahreswechsel wird in der Finanzwelt wieder mal die Parole ausgegeben: neues Spiel - neues Glück. Die Großbanken setzen in ihren Anlagenempfehlungen auf die guten Konjunkturprognosen für Europa. Steuersenkungen kurbelten den Konsum an und führten bei Unternehmen zu zweistelligem Gewinnwachstum, prognostiziert die Deutsche Bank.

"Die Lage ist besser als die Stimmung", sekundiert die Commerzbank. Die Inflation sei fast überall unter Kontrolle, die Finanzpolitik grundsolide. Erstmals seit 1969 weise die Gruppe der OECD-Länder wieder Haushaltsüberschüsse aus. Darüber hinaus seien die Chancen der neuen Technologien noch längst nicht ausgeschöpft. Schließlich stehe die Weltwirtschaft auch nicht schlecht da: Den Schwellenländern werden mit vier bis fünf Prozent abermals höhere Wachstumsraten zugetraut als den Industrieländern.

Hendrik Garz, Aktienstratege bei WestLB Panmure, sieht den Dax zum Jahresende 2001 bei 8100 Punkten. In den USA und Großbritannien seien Zinssenkungen wahrscheinlich. Trotz der starken Abhängigkeit von den US-Börsen könnte der Dax im kommenden Jahr nach Meinung einiger Analysten auch eigene Wege gehen. Zwar werde eine schwächere US-Wirtschaft für den deutschen Markt wohl negative Effekte haben, sagte etwa Lothar Weniger, Head of Equity Research bei der DG-Bank. In Europa gebe es aber noch stabilisierende Faktoren, die eine Rezession abmildern könnten. So wirkten sich beispielsweise die beschlossenen Steuerreformen günstig aus. Auch das niedrige Inflationsniveau und die starken Wachstumsraten in der Produktivität machen eine Rezession eher unwahrscheinlich.

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