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Kurssturz an der Börse : China drückt Dax unter 10.000 Punkte

In China haben die Börsenkurse so stark nachgegeben wie seit acht Jahren nicht. Weltweit hat das eine Kettenreaktion ausgelöst. In Deutschland ist der Dax deutlich unter die Marke von 10.000 Punkten gefallen.

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Auch an der New York Stock Exchange sind die Kurse am Montag eingebrochen.
Auch an der New York Stock Exchange sind die Kurse am Montag eingebrochen.Foto: dpa

Von „Panikattacken“ und einem „Epizentrum“ war an der Börse länger nicht die Rede. Am Montag – einem schwarzen Montag für Aktionäre – war es wieder soweit: „Wir sind mittendrin“, erklärten die Analysten von JP Morgan Cazenove. Geschockt von einem erneuten Kurssturz von rund acht Prozent an der chinesischen Börse, verkauften im Tagesverlauf immer mehr Anleger ihre Anteilsscheine – in Tokio, in Frankfurt am Main, in New York. Panik machte sich breit, als auch an der Wall Street die Notierungen dramatisch um mehr als sechs Prozent einbrachen. „Wie ein Stein“ sei der Deutsche Aktienindex (Dax) um zeitweise 7,5 Prozent tief unter die Marke von 10 000 Punkten gefallen, schrieben die Analysten der Hessischen Landesbank (Helaba). Die hohen Umsätze zeigten, dass eine breite Fluchtbewegung eingesetzt habe. Bei Börsenschluss stand der Dax bei 9648 Zählern – das war immer noch ein Minus von 4,7 Prozent. Viele Anleger fühlten sich an frühere Börsen-Crashs erinnert: das Platzen der New-Economy-Blase zur Jahrtausendwende zum Beispiel oder die Finanz- und Wirtschaftskrise.

Der Aktiencrash in China löst Kettenreaktion aus

Die Börse in Schanghai hatte am Montagmorgen den größten Tagesverlust in der Geschichte des chinesischen Aktienmarktes erlitten. Die Kurse haben sich damit in den vergangenen Monaten fast halbiert. Auch die Ankündigung Regierung in Peking, Pensionsfonds zu erlauben, bis zu 30 Prozent ihres Vermögens in Aktien zu investieren, half nicht. „Einige Investoren scheinen enttäuscht zu sein, dass es bisher keine Senkung der Mindestanforderungen für die Kapitalreserven der Banken gab“, hieß es in einer Analyse von Morgan Stanley. Ein solcher Schritt der chinesischen Notenbank würde umgerechnet 93 Milliarden Euro für neue Kredite freisetzen, die die chinesische Wirtschaft ankurbeln könnten.

Doch die Maßnahmen der Notenbank erwecken immer mehr den Eindruck von Hilflosigkeit. Mehrfach hatte sie bereits versucht, sich gegen den Abwärtstrend zu stemmen. Zuletzt ließ sie die Landeswährung Yuan kräftig abwerten, was chinesische Waren im Ausland billiger macht – und ausländische Waren in China teurer. Viele Anleger sahen darin allerdings einen weiteren Beleg, dass es um die nach den USA zweitgrößten Volkswirtschaft alles andere als gut bestellt ist. Deshalb haben Anleger am Montag auch vor allem die Aktien deutscher Exporteure verkauft: zum Beispiel die Papiere deutscher Autobauer, für die China mittlerweile einer der wichtigsten Absatzmärkte ist.

Analysten rätseln wie es weiter geht

In Deutschland gingen die Einschätzungen der Situation am Montag weit auseinander. Die DZ Bank, die bislang zu den Optimisten zählte, sprach von einem Crash. Die Analysten senkten ihre Dax- Prognose für Ende 2015 von 12.500 auf 11.000 Punkte. Helaba-Chefvolkswirtin Gertrud Traud warnte Schnäppchenjäger: „Es ist definitiv noch zu früh, um schon wieder einzusteigen.“

Der Dax, der hierzulande wichtigste Indikator für das Börsengeschehen, rutschte erstmals seit Januar unter die Marke von 10 000 Punkten und verbuchte den größten Tagesverlust in diesem Jahr. Alle 30 im Dax gelisteten Papiere mussten starke Einbußen hinnehmen, an der Spitze RWE, Fresenius, Telekom und Deutsche Bank mit Abschlägen zwischen 7,5 und 8,5 Prozent. Aktien aus der zweiten Reihe fielen zum Teil zweistellig.

Allianz-Chefvolkswirt Michael Heise sprach von überzogenen Reaktionen und „übertriebenen Rezessionsängsten“. Die Wirtschaft in China schrumpfe schließlich nicht, sie wachse nur langsamer. „Diese Reaktion ist absolut übertrieben“, sagte auch Fidel Helmer vom Bankhaus Hauck&Aufhäuser. „Die grundsätzliche Situation hat sich nicht verändert. Die Zinsmärkte sind uninteressant und die großen deutschen Aktien bieten weiter eine Rendite von drei bis vier Prozent.“ An Aktien komme niemand vorbei. Auch Aktienstratege Tobias Basse von der NordLB sprach von einer Überreaktion. Trotzdem seien die Anleger und Investoren am Aktienmarkt „super nervös“.

Abzulesen war dies auch am V-Dax, dem sogenannten „Angst-Index“, der die Kursschwankungen am Terminmarkt misst: Er stieg um mehr als 30 Prozent auf den höchsten Wert seit drei Jahren. „Jetzt in Panik zu verfallen, ist der falsche Weg“, sagte Daniel Schär von der Weberbank mit Blick auf China. Die Regierung in Peking erwartet in diesem Jahr trotz der Turbulenzen ein Wachstum zwischen sechs und sieben Prozent. Es wäre allerdings das schwächste Plus seit 25 Jahren. Die Bundesbank hatte erst in den letzten Woche betont, dass die Voraussetzungen für ein „recht kräftiges“ Wachstum der deutschen Wirtschaft auch in der zweiten Jahreshälfte gegeben seien. Volkswirte rechnen 2015 in Deutschland mit einem Plus von knapp zwei Prozent.

Der Euro-Kurs steigt, die Rohstoffpreise fallen

Indiz für die große Nervosität war auch der Euro, der gegenüber dem Dollar um fast 2,5 Cent auf mehr als 1,16 Dollar zulegte. So teuer war die Gemeinschaftswährung zuletzt im Januar. Hintergrund sind Befürchtungen, dass die US-Konjunktur durch die Entwicklung in China gebremst wird. Das könnte zur Folge haben, dass die US-Notenbank den Leitzins nicht schon, wie von Volkswirten erwartet, im September, sondern frühestens im Dezember erhöht.

Für Verunsicherung sorgt auch der weiter fallende Ölpreis. Ein Barrel (159 Liter) des Nordseeöls Brent, der für Europa wichtigsten Sorte, kostete am Montag nur noch wenig mehr als 43 Dollar (siehe Text unten). Vor einem Jahr waren es noch fast 103 Dollar. Die Preise für andere Rohstoffe wie Kupfer, Nickel oder Blei rutschten ebenfalls deutlich ab. Der Preis für Kupfer fiel zum Beispiel auf ein Sechs-Jahres-Tief: Eine Tonne kostete nur noch 4903 Dollar. Der Grund: Die Chinesen kaufen besonders viele Rohstoffe ein, um sie in ihren Fabriken zu verarbeiten. Schwächelt die Wirtschaft in der Volksrepublik, sinkt daher die Nachfrage nach diesen Rohstoffen. Die Händler preisen das nun bereits ein.

Anleger kaufen Bundesanleihen

Rutschen die Aktienkurse so stark ab wie am Montag, suchen die Investoren verstärkt nach sicheren Alternativen. „An so einem Tag gehen Anleger raus aus Aktien oder Rohstoffen und flüchten in die Rentenmärkte“, sagte ein Händler. Einer der davon profitiert, ist der deutsche Staat. Er kann sich nämlich noch günstiger verschulden als eh schon. Die Rendite zehnjähriger Bundesleihen fiel am Montag auf 0,541 Prozent – das ist der tiefste Stand seit knapp drei Monaten. Und sie könnte noch weiter sinken. „Der Kurseinbruch an den asiatischen Aktienmärkten wird auch hierzulande die Risikoaversion kurzfristig hoch halten und Bunds stützen“, hieß es bei der BayernLB. Auch Gold war als Krisenwährung am Montag gefragt. Der Preis stieg um 1,4 Prozent auf 1168,40 Dollar je Feinunze (31,1 Gramm). Gold war damit so teuer, wie seit sieben Wochen nicht mehr.

Apple-Chef Tim Cook rechtfertigt China-Geschäft

Der Einbruch der US-Börsen zwang Apple-Chef Tim Cook zu außergewöhnlichen Maßnahmen. Cook schrieb eine E-Mail an den bekannten Börsenkommentator Jim Cramer, in der er die Sorgen der Anleger über die Entwicklung des China-Geschäfts von Apple zu entschärfen versuchte. Apple habe im Juli und August weiterhin ein „starkes Wachstum“ in China verzeichnet und das Tempo der iPhone-Aktivierungen habe sogar angezogen. So ein Update zwischen Quartalsberichten ist ein einmaliger Schritt für den über Jahrzehnte notorisch verschlossenen Konzern. Die Apple-Aktie, die seit Wochen unter massivem Druck steht, erholte sich nach Bekanntwerden der E-Mail – notierte aber immer noch mit mehr als sechs Prozent im Minus. mit dpa, rtr

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