Wirtschaft : Kursverluste bis zu 20 Prozent möglich

Stefan Keidel

Mit kräftigen Kursverlusten macht der Neue Markt gegenwärtig Negativ-Schlagzeilen. In der vergangenen Woche verlor der Nemax All Share Index rund zehn Prozent; damit ist er auf das Niveau vom Jahresanfang abgerutscht. Zu Beginn dieser Woche hat es nur zu einer kleinen Gegenreaktion gereicht. In einer Handelsblatt-Umfrage nennen Fondsmanager und Analysten Gründe für die Talfahrt und prognostizieren die Perspektiven. Grundtenor: Vorsichtig agieren und nur noch grundsolide Unternehmen kaufen. Für die meisten ist die Korrektur noch nicht ganz am Ende. Die DG Bank rechnet sogar noch mit weiteren Verlusten von 15 bis 20 Prozent. Auch Oliver Schnatz von der Deutschen Bank bleibt skeptisch. Er rechnet noch mit einer "kleinen Kurskorrektur nach unten". Erst 2000 sieht der Analyst Chancen; aber auch nur für fundamental gesunde Unternehmen. Die hohe Zahl von Börsengängen belasteten den "angeschlagenen Markt" zusätzlich. Zudem dürfte das Engagement der Investoren ab Mitte November bis Ende Dezember wegen des Jahr 2000-Problems deutlich abnehmen. Wenig Chancen billigt der Experte der Software zu. "Die Aktien werden ihre Höchstkurse nicht mehr wiedersehen. Qualität ist das A und O." Schnatz rät darum zu selektiven Käufen.

Noch pessimistischer sieht Harald Heider von der DG Bank die künftige Entwicklung. "Der Neue Markt hat seinen Boden noch nicht gefunden." Unter Schwankungen könne er noch bis zu 20 Prozent nach unten abgleiten. Als Grund nennt der Analyst die Marktpreise, die unter fundamentalen Gesichtspunkten noch zu hoch lägen. Zudem reduzierten sich die Markterwartungen hinsichtlich der von den Unternehmen zu erreichenden Gewinn- und Wachstumsziele. Anlegern rät Heider dazu, auf Schnäppchen zu warten und nur solide Werte zu kaufen.

Die Probleme des Neuen Marktes macht Heider an einem Beispiel fest: Der Mediensektor weise bis 2004 ein begrenztes jährliches Wachstumspotenzial von rund zehn Prozent auf. Im Schnitt prognostizierten die Firmen aber ein Wachstum von 50 Prozent per anno. Diese "fundamentale Lücke" gelte es noch zu schließen. Von weiteren Kursverlusten seien vor allem Hoffnungswerte betroffen, hinter denen kurzfristig am wenigsten Fundament stecke. Trotz der Warnungen an die Privatanleger ist Heider nicht grundsätzlich pessimistisch. Er sieht in jedem Sektor "glänzende Aktien", in die es sich zu investieren lohne. Chancen sieht er für ausgesuchte Medien-, Telekom-, IT- und Softwarewerte. Jedoch empfiehlt der Analyst, "über den Rand des Neuen Marktes" auch auf Aktien aus anderen europäischen Wachstumsmärkten zu schauen. Ähnliche Unternehmen wiesen zum Teil bedeutend günstigere Bewertungen auf.

Auch Fondsmanager Kurt Ochner beobachtet eine Tendenz hin zu Unternehmen von "Güte und Qualität". Der Mann von Julius Bär befürchtet noch einen Index-Rückgang von rund 500 Punkten; damit habe der Neue Markt dann aber seinen Boden gefunden. Die Medienbranche weise noch gute Chancen auf, weil sie sich im Aufbau befinde und anhand der bisher erreichten Größe zu einem ernst zu nehmenden Verhandlungspartner für US-Medienkonzerne avanciere. Auch Aktien aus dem IT- und Internetbereich sieht er auf einem vernünftigen Preisniveau. Die Going Publics sind nach Meinung von Ochner durch die Talfahrt nicht gefährdet. Börsenkandidaten ohne adäquates Konzept dürften aber ihren Gang an den Neuen Markt verschieben.

"Auf dem derzeitigen Niveau dürfte das weitere Risiko für den Index auf fünf Prozent begrenzt sein", warnt Wassili Papas vor zu großem Katzenjammer. Auf dem tieferen Niveau kaufe die Union Investment wieder gezielt. Als Königsweg bezeichnet Papas die Vermeidung von Euphorie und die nüchterne Abwägung der Chancen. Das Ergebnis wäre ein ruhigerer Aufwärtstrend. Grundsätzlich sei an der Börse Geduld geboten. "Die Aktien am Neuen Markt sind hier keine Ausnahme."

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